Nach anfänglich leichten Neben- oder Kieferhöhlenproblematiken schien es sich am Folgemittwoch meines Ötztalurlaubs gebessert zu haben und so brach ich am späten Vormittag mit meinem Birdy-Rädchen ins fünf Kilometer entfernte und um ca. 300 Höhenmeter höher gelegene idyllische Örtchen Gries auf. Musste - ohne E sondern als BioBikerin unterwegs - nahezu komplett hochschieben und freute mich entsprechend auf die Rückfahrt.
Ein ausgesprochener Wunsch für den Urlaub hatte gelautet: einmal über die Baumgrenze hinaus wandern. Nachdem das Rädchen in Gries abgeschlossen und ich für‘s Wandern gerüstet war, ging‘s los in Richtung der auf 2362m gelegenen Winnebachseehütte. Idyllische zunächst waldig-felsige Wege gingen über in Latschenbewuchs und irgendwann nach der 2000m-Bank kam sie: die Baumgrenze.
Und bald danach die hochalpine Landschaft mit roten Beerensträuchern, Flechtenbewusch, bunten Felsen, rauschendem Bergbach und Wasserfall.
Der Winnebachsee kalt, an der tiefsten Stelle max. knietief und voller sehr scharfkantiger aber rutschiger Steine, an denen ich mir einen blutigen Ratscher am Fuß zuzog und es also doch besser bei einem kurzen Fußbad beließ.
Für mich strahlt die karge hochalpine Welt Erhabenheit aus.
Ein kleiner Spaziergang noch rund um die auf 2362m ü NN gelegene Alpenvereinshütte, die Ende dieser Woche schließen würde, wie mir der (ziemlich schlecht gelaunt wirkende) Hüttenwirt (oder war es ein Angestellter?) mitteilte.
Ich könnte mir ein Süppchen und eine Johannisbeerschorle, dann ging es wieder an den Abstieg.
Der Bequemlichkeit halber hatte ich für die Wanderung wie so oft einen sehr leichten und luxoriösen Trekkingstock genutzt und stellte erst beim Abstieg fest, dass meine rechte Hand dadurch offensichtlich falsch be- oder insgesamt überlastet worden war, so dass das Daumen-Mittelgelenk stark schmerzte. Die Schmerzen verstärkten sich immer weiter - auch nachdem ich den Stock zusammegefaltet und im Rucksack verstaut hatte. Eindeutig einmal wieder und diesmal eine neue arthritische Entzündung in einem bisher nicht betroffen gewesenen Gelenk (davon gibt‘s auch immer weniger 😢…. )
Zurück in Gries war es kühl geworden, doch die flotte Abfahrt mit dem Rad nach Längenfeld dauerte zum Glück nicht annähernd so lange, wie die morgendliche Hochfahrt gedauert hatte. Froh war ich über die bis auf die Fingerproblematik einigermaßen locker bewältigte Wanderung mit insgesamt 1200 Höhenmetern je bergauf und bergab bis über die Baumgrenze. Damit war ein Plan für den Urlaub in die Tat umgesetzt und so genehmigte ich mir für den Folgetag mit angekündigten Regenphasen einen Rundum-Wellnesstag in der Thermen- und Saunalandschaft Aqua Dome in Längenfeld - direkt neben dem Campingplatz gelegen.
Las beim Wellnessen fast in einem Rutsch dieses mich sehr berührende Buch durch, hoffte auf das schwefelige Mineralwasser, das das trotz Quarkwickeln und Tapen immer noch schmerzenden Daumengelenk befrieden möge. Es wurde besser doch nicht gut genug, der Hand wieder einen Trekkingstock zumuten zu dürfen.
Denn inzwischen wurde ich geradezu wagemutig und hatte beschlossen, am Freitag den zweiten lose gefassten Wunsch in die Tat umzusetzen. Eine Wanderung, die mich auf über 3000 Höhenmeter bringen würde. Mit dem Bus fuhr ich morgens nach Sölden, von wo die sehr komfortable Giggijochbahn mal eben locker einen Großteil der Höhenmeter wegschummelte und mich an der Bergstation auf 2200m gleich über der Baumgrenze entließ.
So grandios die Bergwelt ist, so sehr stören bis verschandeln hier die massenhaft vorhandenen Lifte und technischen Geräte dieser auf Wintersport spezialisierten Gegend die Hänge. Die erste Strecke verläuft über Serpentinenstraßen, auf denen reichlich Baufahrzeuge lärmend Staub aufwirbeln.
Außerdem gibt es Moutainbikerstrecken und -trassen, auf denen sich mit auch anderen Liften nach oben transportierte Bikerscharen tummeln. Hier steppt der touristische Bär.
Dennoch hatte ich Respekt vor den noch zu bewältigenden gut 800 Höhenmetern bis zum 3018m über NN gelegenen Schwarzkogel, auf den meine Wanderwahl gefallen war. Nicht ohne Grund; gilt er doch als der in dieser Gegend am leichtesten zu erwandernde Dreitausender-Gipfel. Zweifel hatte ich an meiner Puste und Pumpe. Ich erinnerte mich noch sehr gut an meine Luftnot bei der schon 17 Jahre zurückliegenden Wanderung auf die Zugspitze, die nicht einmal 3000m hoch ist und die ebenfalls im Ötztal stattgefundene bisher höchste meiner Wanderung im Juli 2007 auf die Kreuzspitze mit 3456m hatte mich Puste gekostet. Und jünger bin ich seitdem eindeutig nicht geworden.
2011 wurden mir Herzmacken bescheinigt und ich nahm seitdem an, dass der häufig in größeren Höhen stattfindende rapide und unverhältnismäßig schnelle Leistungsverlust damit zusammenhängt. Seit 2015 nehme ich zudem Blutdrucksenker und war danach niemals mehr in solcher Höhe zu Fuß unterwegs. Die Wanderung zur Winnebachseehütte hatte mich zwar ermutigt denn mir waren keine nennenswerten Krafteinbußen aufgefallen doch heute sollte es nochmal etwas mehr als 600 Meter höher hinauf gehen.
Die Landschaft mit ihren bunten Felsen ein Traum! Schon früh öffnet sich der Blick auf den Rettenbachgletscher. Davor der See für die Schneekanonen - aber auch er hübsch anzusehen.
Ein Stück weiter und über einen steinigen Pass hinweg öffnet sich der Blick auf ein wirkliches Juwel der Berge: den Schwarzsee auf 2800m Höhe. Er glitzert in der Sonne, die sich die dort herrschenden einstelligen Lufttemperaturen im Windschatten sehr viel wärmer anfühlen lässt.
Badesachen habe ich heute keine dabei. Hielt es für ausgeschlossen, hier in dieser Höhe und Kälte baden zu können. Es liegt hier und da Schnee. Doch der See bietet die Möglichkeit, sich hinter einer Felsnase ein klein wenig den zumindest wegnahen Blicken der Mitwanderer (es sind nicht sehr viele aber doch immer wieder einige) halbwegs zu entziehen. Ich schlendere erstmal unverbindlich dorthin und dann - ohne groß zu denken - entledige ich mich der Klamotten und tunke einmal ins wirklich extrem kalte Wasser ein. Ein Kälteschock! Aber auch belebend. Und mir wird bewusst: ich bin auf 2800m und kein noch so winziges Zeichen von Luftnot bis hierhin. Wie geil ist das denn!? Also weiter hoch zum Gipfel!
Da ich heute wegen des immer noch empfindlichen Daumens ohne Trekkingstock unterwegs bin, hüpfe ich wie in früheren Zeiten, als ich Trekkingstöcke schlicht nicht mochte, über die felsige Wackel- und Balancierpassagen. Und wie in früheren Zeiten macht es mir unglaublichen Spaß!
Wieso eigentlich bin ich irgendwann auf den Trip mit der Stockbenutzung geraten? Immer nur einen - zwei stören mich beim Wandern total. Aber der eine hilft eben doch, auch Kraft aus dem Oberkörper für den Aufstieg zu nutzen und nicht nur die Beine müssen sie aufbringen. Aber wie ich heute feststelle: die Beine können das noch und das macht mich ebenso glücklich wie der erstaunliche Umstand, auch auf 3018m üNN diesmal keinerlei Atem- oder Konditionsprobleme zu haben. Klar - es gibt einige Wandere, die flotter unterwegs sind. Der flotte Marathoni und frühere Triathlet aus Hamburg zum Beispiel, der mir zu mehreren Gipfelfotos verhalf. Aber das hier ist ja kein Wettkampf.
Der Rückweg zur Giggijochbahn verlief etwas anders als der Hinweg. Dort angekommen sonnte ich mich noch ein halbes Stündchen in einem Liegestuhl, fuhr ab Sölden zurück nach Längefeld und war dann doch am Abend unglaublich erschöpft. Eine schöne Erschöpfung gepaart mit dem Glück, mir für‘s kommende Jahr noch einige Höhentouren vorzunehmen. Wer hätte das gedacht?!
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