Pienzige Nasennebenhöhlen habe ich schon mein Lebtag lang. Die jahrzehntelange Qualmerei - obgleich inzwischen Vergangenheit - wird es nicht besser gemacht haben. Bisher waren sie mir ausschließlich als lästige Zipperlein im Bewusstsein. Doch heute war ich diesen zur Verengung neigenden Gängen im Kopf für ihre Eskapaden fast dankbar. Hätte ich doch ohne sie vermutlich nie die beiden Kleinodien des Tages kennengelernt.
Am Montag nach dem Tegernseelauf von dort weitergefahren ins Ötztal. Nicht, ohne trotz regnerischem Wetter noch einmal im deutlich kühler gewordenen See eine kleine Schwimmeinheit zu genießen. (Einschub: leicht fiel‘s mir nicht denn bisher mochte ich keine Freiluft-Schwimmeinheiten bei kühlem Regenwetter. Aber was tut frau nicht alles, um den nicht-Streak nicht abreißen zu lassen 😆).
Im Ötztal den Stellplatz auf ziemlich großzügigem und schniekem Campingplatz bezogen. Blick vom Mobil in die Berge. Grandios!
Am Nachmittag bei Sonnenschein nur noch eine kleine Spazierwanderung entlang der Ötztaler Ache (ziemlich flott fließend das scheißkalte Wasser. Gut, dass die Badeeinheit heute schon hinter mir habe).
Ein bisschen habe ich den Verdacht, das kühle Bad am Morgen könnte Nebenwirkungen gehabt haben: es zieht unangenehm in der linken Gesichtshälfte. Nicht sicher zu orten: Zähne, Oberkiefer, Nebenhöhlen? Ich messe der Sache keine allzu große Bedeutung zu und falle schon recht früh in einen tiefen Schlaf.
Um acht Stunden später - so kurz vor sechs - mit schmerzend ziehender Gesichtshälfte und verstopfter Nase aufzuwachen. Meerwasser-Nasensprach verwendet, Tee gekocht und getrunken und schon öffnen sich die zugeschwollenen Nasenkanäle und lassen wasserfallartig klare Flüssigkeit entweichen. Nun schmerzt nichts mehr aber es läuft und läuft ohne Unterlass. Ein Gefühl, als würde mir das Hirn auslaufen. Gleichzeitig jucken und tränen die Augen, alles kribbelt.
Aus der für heute grob angedachten Gipfeltour - mal sehen, wie hoch ich es mit den ollen Knochen noch schaffe! - wird wohl nichts werden und so schniefe ich auch ein bisschen aus Traurigkeit über diesen Verlust. Überlege: der Campingplatz hat sehr großzügige Einrichtungen. Eine Sonnenterrasse mit Schaukel- und diversen anderen Liegen z. B.
Hier ließe sich der Tag schon rumbringen! Zumal ich - nachdem ich gestern
ein bezauberndes Buch beendet und darüber einen Beitrag geschrieben habe - heute früh ein, wie sich schnell herauskristallisierte nicht minder faszinierendes weiteres Buch zu lesen begonnen habe und erpicht darauf bin, darin bald weiterzulesen.
(Einschub: es ist ein eher seltenes Glück, gleich zwei großartige Bücher als Urlaubslektüre mitgenommen zu haben, die sich zudem beide als extrem passend zur persönlichen Stimmung, Landschaft und Lebenslage erweisen.)
Nach einem gelesenen Kapitel und einem Stapel vollgeschnäuzter Papiertaschentücher entschließe ich mich, doch zu einer kleinen Tour aufzubrechen. Mit dem Birdy-Rad. Krank fühle ich mich eigentlich insgesamt überhaupt nicht. Es tränen und jucken lediglich die Augen und die Nase läuft mit gelegentlichen Pausen, in denen die Nebenhöhlengänge wieder eine Weile dicht machen und verstopfen. Bisschen radeln sollte da nicht schaden.
Als erstes Ziel steuere ich den
Winkelbergsee an. Radele entlang der Ache einen sonnigen Radweg entlang, zweige dann ab auf einen ansteigenden Waldweg, muss ein bisschen schieben und erreiche dieses zauberhafte Idyll mitten im Wald.
Unglaublich viele Fische schwimmen darin. Es ist ein privater Angelsee. Sieht dem kleinen Arbersee im Bayerischen Wald ähnlich. Ein wunderschöner Rundweg auch hier. Mehrere Bänke, Sonnenflecken. Außer mir noch zweimal zwei weitere Seebesucher. Die irgendwann - während ich lesend im weichen Nadelbett am Ufer liege und lese - verschwinden.
Ich lasse die Füße ins Wasser baumeln. Kalt! Thermometer habe ich nicht dabei. Schätze auf ca. 15°C.
Es sind nur Verbotsschilder zu sehen, die das Fischen verbieten. Über Badeverbote - wie in den vergleichbaren Bayrischen Waldseen überall vorhanden - sehe ich nichts. Und hätte es mich davon abhalten können?
Kein Mensch weit und breit. Es ist zwar kühl aber wo die Sonne hinscheint, wärmt sie sehr zuverlässig. Einmal kurz eintauchen … das sollte schon gehen … da ist ja auch noch der nicht-Streak … ein Handtuch habe ich standardmäßig sowieso immer dabei. Und die Nebenhöhlen? Achwas - zuviel Vernunft braucht‘s auch wieder nicht.
Als ich ins flache Wasser steige und mich reinlege, stieben alle Fische, von ziemlich groß bis winzig klein, erschrocken auseinander und ergreifen die Flucht. Kaum liege ich still, kommen sie neugierig zurück. Umkreisen den dicken Fisch in ihrem Revier misstrauisch. Seit wann gibt‘s im Winkelbergsee Wale?
Den Fluten entstiegen und wieder angezogen lese ich noch in der Sonne liegend ein, zwei Kapitel. Der Kopf fühlt sich erstaunlicherweise freier und besser an als vor dem Bad.
Fällt aus der Nase kein Wasser mehr, geht‘s weiter zum aus dem Felsen fallenden Wasser. Schon auf der recht kurzen Radstrecke konnte ich unterwegs an mehreren Stellen eindrucksvoll Wasserfälle aus den Felswänden stürzen sehen. Zum Aussichtspunkt des
Lehner Wasserfalls möchte ich nun radeln und dort zum Aussichtspunkt aufsteigen.
Der Aufstieg zum Aussichtspunkt dauert eine gute halbe Stunde und geht ordentlich in die Beine. Auch hier bin ich alleine. Bewundere die tosenden Wassermassen, wie sie die Bergwand runterfallen. Über Vorsrpünge und durch Felsrinnen. Es lärmt und rauscht und … was passiert nicht selten beim Geräusch strömenden Wassers? Insbesondere, wenn man seit Stunden nicht auf Toilette war? Genau! Die Blase meldet sich zu Wort und möchte auch ein bisschen was strömen lassen.
So oute ich mich hiermit mit einer seit mehr als zehn Jahren gepflegten Liebhaberei, die vielleicht das Zeug zum SocialMedia-Trend hätte (nicht durch mich denn ich besitze nur ein verstaubtes FB-Konto aber keinen Instagram, Tik-Tok o.ä. Account auf dem die Macke sich um Follower bemühen könnte): dem Hang zum Panoramapinkeln. Also: irgendwo den Hang runter vor großer Kulisse (und keine Sorge: ich achte auf in jeder Hinsicht für andere belästigungsfreie Erledigung. Hinterlasse auch keine Papiere o.ä.)
Entstanden zunächst aus der puren Not(wendigkeit) auf meinen häufigen Fahrten in den Bayerischen Wald. Meistens losgefahren nach dem Kaffee und fast immer drängte selbiger noch vor Ankunft am Ziel nach außen. So lernte ich diverse perfekt geeignete Naturhaltestellen kennen, an denen sich dem Bedürfnis nachgehen ließ ohne die Mitmenschen durch Anblick oder anschließend möglicherweise üble Uringerüche zu belästigen. Oft verbunden mit einem kleinen Spazierründchen, kleinen Meditationen, Qi-Gong Einheiten o.ä.
Inzwischen ist es eine Marotte geworden: die Suche nach und das Erkennen von geeigneten ruhigen Pinkelplätzen mit Aussicht: Panoramapinkeln. Hobbies können so einfach und schlicht sein 😋
Dieser tosende Wasserfall mit seinen Steilhängen, schattigen Schluchten und dem steilen Aufstieg zum Aussichtspunkt, der könnte einen Spitzenplatz bekommen. Gäbe es denn eine Bewertungsskala der panoramareichsten Pinkelplätze.
So sitze ich nun im kuschelig warmen Gemeinschaftsraum des komfortablen Campingplatzes. Schreibe bei einer Tasse Tee diesen leicht exhibitionistisch angehauchten Blogbeitrag - alleine unterwegs zu sein macht vieles unkomplizierter - und werde mich gleich ins Mobil begeben. Heute Nacht soll hier die Temperatur auf +2°C absinken.
So dankbar ich den Nebenhöhlen, ohne die der Tag heute wohl nicht so wunderbar stattgefunden hätte, auch bin. Für morgen hoffe ich auf kooperative Abschwellung, die ein paar Höhenmeter mehr im Rahmen einer mittelgroßen Bergtour zulässt. Aber wie immer gilt: es kommt, wie es kommt. Das Ötztal taugt auch ganz gut zum Erholen bei Erkältungsanflügen.
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