10 Mai 2022

on the road again - von Andalusien bis in die Pyrenäen

 Montag, 09. Mai - Dienstag 10. Mai

Der Abschied fiel mir fast ein bisschen schwer. Aber nützt ja nix. Am späten Vormittag war ich startklar: die Kefirknöllchen gefuttert und gefüttert, nochmal den Abwasch erledigt, Pipibox geleert, Tisch und Stühle sowie das Interieur zusammengelegt und verstaut, Kabeltrommel und Stromutensilien verstaut, die zu kühlenden Sachen samt Kühlakkus vom Kühlschrank in die Box im Heck umgepackt, Fahrrad zusammengeklappt und verstaut, Platzkosten - für die 5 Nächte gerade mal etwas über 80 Euro - bezahlt ... es kommt doch immer einiges zusammen bei diesen Platzwechseln.

Die Strecke führt zunächst  noch viele Kilometer auf engen gewundenen Sträßchen durch  den Naturpark, an einigen Miradores (Aussichtspunkten) halte ich noch für ein paar Abschiedsfotos an.


Bis beim auch sehr hübshen! Örtchen Puerta de Segura die Straßen wieder etwas komfortabler werden. Wobei das relativ ist. Ich habe mich entschlossen, nicht wieder die schnellere Küstenstrecke heimwärts zu rollen sondern auf eine etwas mittigere Alternative durchs spanische Hinterland zu setzen. Eine grandiose Entscheidung! Am liebsten würde ich an jeder zweiten Ausfahrt rausfahren (Haltebuchten bzw. Möglichkeiten für schnelle Stopps an Autobahnen, Schnellstraßen oder auch kleineren Landstraßen existieren hier quasi nicht oder so gut wie gar nicht. Jeder Halt ist mit Mühen verbunden, die Tankstellen genau dort, wo es mal so gar nix zu knipsen gibt.

Und ich will ja vorwärts kommen. Der nächste Halt soll in Teruel , der Hauptstadt der mir vorher  komplett unbekannt gewesenen Provinz Aragonien stattfinden und die Erfahrung hat gezeigt, dass es mehr bringt, sich einen Ort etwas intensiver vorzunehmen und dafür nicht an jeder Kirche, jedem Aquädukt, jedem Canyon oder ausgeschilderten Kloster anzuhalten. Obwohl es reizt. Von der STraße aus sieht man reichlich davon, noch mehr  Ausschilderungen zu  irgendwas  sehenswertem und überhaupt erfahre ich, dass ich mich städnig auf irgendwelchen "Routes touristicos ... irgendwas" befinde. Naturparks sind ausgeschildert, die Landschaften wechseln sich mit drastischen Veränderungen ab - eine beeindruckender als die andere. 

Vorbei ist es mit den Monokulturen. Hier im Hinterland - und schon dafür hat sich diese Route gelohnt - gibt es alles: steppenartige Hügellandschaften, felsige Gelände,  größtenteils Hochebenen - ich bewege mich fast den ganzen Tag auf Straßen um die 1000 Meter üNN - ein Pass zeigt 1300 Meter an. Es wechseln sich in schneller Folge auch landwirtschaftlich genutzte Flächen: Wein, Obstbäume, Oliven und viel Getreide - immer wieder ab. Zwischen den Bäumen, an Straßenrändern und auf den Brachen wahre Blütenmeere. Es  dominiert dunkelroter Mohn. Meist gemischt mit vielen Gelbtönen aber auch Rots und Blaus kommen immer wieder als Farbspiele dazwischen, daneben und miteinander vor. Das Fahren auf den sehr leeren Straßen ist ein Genuss. Ab und zu der Wunsch vorhanden, in eine der Landschaften auch einzutauchen. Aber es wartet ja die Weltkulturerbestadt Teruel auf mich.

Gegen 17:00 Uhr erreiche ich den kostenlosen Wohnmobilstellplatz am Stadtrand. Ist okay. Ziemlich  viele Wohnmobile  - so 30 etwa. Scheint ja wirklich zu lohnen, der Besuch hier.

Erwartungsvoll begebe ich mich mit dem ausgepackten Rädchen auf den Weg ins ca. drei Kilometer entfernte Stadtzentrum. Es ist eine hügelige  Landschaft, auf die Teruel gebaut  wurde, so  dass es massenhaft alte und neue Viadukte gibt. Einige sogar übereinander. Ich  habe nur das erste und vermutlich bedeutungsloseste  fotografiert:


Danach kam ich ins Altstadtzentrum. Schon auf dem Weg dorthin war mir aufgefallen, wie voll und verstopft mit Autos alle Straßen sind. Kaum Radwege, hier und da mal kleine Schnippsel. Vor dem Altstadtzentrum  lässt es sich noch einigermaßen auf den breiten Fußgängerwegen fahren. Aber man merkt, dass hier in Teruel alles  auf Autos  abgestimmt ist. Es knubbelt  sich, staut sich, macht irre Krach und ... ich bin gestresst.

Vermutlich lag es in erster Linie daran, dass mir diese Stadt nichts geben konnte und ich sie nicht würdigen. Auch im Zentrum war es voll, eng und hier hatte ich Verständnis dafür, dass viele Menschen Schutzmasken trugen: trotz der eigentlich freien Höhenlage stank es erbärmlich nach Abgasen. Und wo nicht das, wehten massive Parfumdüfte der Passanten immer wieder in mich stressender Strenge in die Nase. Eine spezielle Mode dieser Stadt oder fällt mir das sonst nur weniger auf?

Es gibt sie tatsächlich, die geschichtsträchtigen Gebäude. Ich habe mein Rad im Gewühl einkaufender Menschen daran vorbeigeschoben. An Fahren war nicht zu denken. Denn die Innenstadt ist voller Läden aller Art. Eine einzige Shoppingmeile. Wer darauf steht: hier gibt's alles - auch diese edelnamigen Boutiquen. Besonders den hier angebauten Wein, Würste und riesige Mengen vom  Jamon de Teruel könnte man an jeder Ecke  kaufen. Aber schon weil ich auf der Autobahn gleich mehrere sehr alte und in keiner Weise mit Kühlvorrichtung oder sonstigen Erleichterungen dieser furchtbaren Tierqual aussgestatteten Schweinetransporte gesehen habe, dreht es mir beim Gedanken daran Herz und Magen um. 

Mir ist nach nichts von alledem. Denke mir: die Bilder von den Sehenswürdigkeiten sehen im Internet irgendwie schöner und beeindruckender aus. Lasse das Handy stecken. Nicht ein Foto  habe ich mehr gemacht. Auch als ich am "Mausoleo  de los amantes", dem Mausoleum der zwei Liebenden, vorbeikomme und es noch geöffnet ist, habe ich kein Bedürfnis, es zu besichtigen. Auch die davor kostenlos zu sehende Statue  der beiden, die von einigen Touristen fotografiert wird, lasse ich unbeachtet. 

Die  Liebesgeschichte der beiden (angeblich - ich finde  ja, es sind Zweifel erlaubt, ob  die Liebe nach den Jahren des Wartens noch auf Gegenseitigkeit beruhte), so  eine spanische Romeo und Julia- Story, ist reichlich merkwürdig. Wie das Mausoleum aussieht, sehe  ich auch im Internet ... ich bin ungnädig, grantig, habe keine Lust  mehr auf Stadt, Gestank, alte Gemäuer, Andenkenläden .. und schiebe zurück zum Wohnmobilplatz  im Gewerbegebbiet am Stadtrand. 

Wach werde ich mitten in der Nacht. Denn  nebenan ist ein Parkplatz für Lastwagen, die ab  vier Uhr in der Früh auf Fahrt gehen. Nicht ohne vorher  erstmal den Motor  im Stand ein paar Minuten laufen zu lassen. Trotzdem schlafe ich nochmal ein und begebe mich nach einem Lesestündchen  zum Kaffee gegen 10 Uhr auf die Weiterfahrt. Bloß keine Stadt  mehr - soviel steht für mich fest. Mein Pensum an größeren Menschenansammlungen ist - Kulturerbe hin oder her - für diesen Urlaub  gedeckt.

Bleibe trotzdem bei dem Entschluss - ich könnte nochmal wieder umswitchen - nicht die Küstenstrecke zu nehmen sondern eine im Inland. Vorbei  an Zaragoza durch die Pyrenäen.



Wieder tolle und sich heftig abwechselnde Landschaften. Ausgeschilderte Naturparks, von denen vermutlich jeder einzelne für einen Urlaub gut wäre. Wieder nur sehr wenige Halts für ein paar wenige Bilder. 



Jetzt bin ich wieder in den Pyrenäen. Diesmal aber "so  richtig" mittendrin. Die Straßen teilweise echt heftig: enge Serpentinenstrecken, auf denen mir hier und da gelgentlich mulmig wird. Insbesondere, da mir auch ab und zu Laster oder Busse entgegenkommen. Nicht überall passen zwei Fahrzeuge aneinander vorbei. Man muss vorausschauend fahren und rechtzeitig, wenn man auf der Gegenfahrbahn jemanden kommen sieht, in eine der teilweise abenteuerlichen Haltebuchten ausweichen. 

An manchen Stellen, wo man wegen überhängender Felsen nicht um die Kurven sehen kann, sind Spiegel installiert. Es fährt sich anstrengend und gut, dass mein Mobil doch noch halbwegs wendig und kurz ist. Auf einer der Straßen ist die eine Straßenhälfte wohl durch Wasserunterspülung - von der Straße aus sind mehrere Flüsse und auch beeindruckende Wasserfälle an den Felswänden zu sehen (keine Chance auf ein Foto) - einfach weg. Da ist ein riesiges Loch ins Nichts. Die Stelle wurde bereits "gesichert", indem die weggebrochene Hälfte mit solchen rot-weißen Hütchen abgegrenzt wurde, zwei Ampeln davor und dahinter stehen, so  dass die Straße ein paar hundert Meter lang nur noch einspurig an der weggebrochenen Stelle vorbeiführt. Da kann mensch schon mal kurz schlucken und hoffen, dass es nicht genau in dem Moment weiterbröckelt, wo man selber dort entlangrollt.



Trotzdem bin ich froh, diese Strecke genommen zu haben. Beeindruckende Landschaft hier im Naturpark der hohen Pyrenäen schobn vom Mobil aus.



Nachdem ich die Serpentinen und einige Tunnel hinter mir gelassen habe, werden die Haltemöglichkeiten an den Straßen auf französischer Seite deutlich großzügiger. Auch sind die Straßen nicht mehr gar so eng.


Als ich - wieder ist es 17:00 Uhr und wieder war es ein langer Tag auf der Straße - im kleinen Talort Sarrancolin  einen ausgeschilderten Campingplatz  entdecke, steuere ich ihn an. Die Einfahrt ist mit einer Kette verschlossen, er sieht extrem ruhig aus. Ich bemühe den Google-Translator, mit dessen Hilfe ich mir  die benötigten Sätze für den Einstieg zurechtlegen lasse - eigentlich ganz einfach - sie mir merke und als ich  tatsächlich auf dem Gelände, auf dem ich die einzige Camperin zu sein scheine, eine Frau finde, die zuständig  ist, bringei ch sie an.

Super Sache: der zunächst misstrauische Blick verfliegt, sie erklärt mir  alles auf französisch und ich tue so  als würde ich mehr als nur die Hälfte verstehen (dafür reicht mein verstaubtes Schulfranzösisch gerade noch und Strom, Toiletten etc. ... ist eigentlich leicht und immer dasselbe) und als dann meine aktiven Sprachkenntnisse doch versiegen, besteht  schon eine sprunghaft angestiegene Bereitschaft auf der Gegenseite, die weitere Kommunikation in diversen Mischformen zu gestalten.

Gelernt: lege dir  in Frankreich - und anderswo  ist das sicher auch nützlich - für den Einstieg  eines Gesprächs zwei, besser drei, souveräne französische Sätze bereit: Begrüßung, höfliche Floskel und eine sachliche Frage z. B. und schon ist die weitere Kommunikation mit welchen Ausdrucksweisen auch immer geritzt.  Und wie meine Französischlehrerin in der Schule dermaleinst vor deutlich mehr als 40 Jahren mir sagte und was ich nie vergaß: "Dein Französisch insgesamt ist  alles andere als zufriedenstellend. Aber deine französische Aussprache ist wirklich sehr schön!" Damit punkte ich auch heute noch. 


Das Örtchen ist klein, liegt im Talkessel. Die Sonne verschwindet also früh. Aber warm und geschützt ist es, was auch die freiwachsenden Palmen zeigen. Ich bin ohnehin müde. Schnell zum Abendessen noch den Blogeintrag einstellen ... dann geht's morgen weiter.