Zweimal täglich fährt ein Linienbus von Morro Jable an die gegenüberliegende „wilde Küste“ von Cofete, einem kleinen Dorf mit nur wenigen einfachen Hütten und einem ziemlich spartanischen ebenfalls hüttenähnlichen Restaurant. Es ist ein ungewöhnlicher Bus, der die knapp 20 Kilometer um die Inselspitze Fuerteventuras auf ungeteerter Schotterpiste fahren muss.
Wie ich erfahre, sind die Kapazitäten so begrenzt, dass man sehr früh beim Start stehen muss und es wird nur eingeladen, bis das Buschen voll ist. Alle anderen müssen sehen, wo sie bleiben und sich z. B. ein Taxi nehmen.
Nun hatte ich ohnehin vor, den Trail-Wanderweg durch‘s Valle Grande zu nehmen. Über einen 343m hohen Pass lässt sich so auf die andere Seite wandern. Die Strecke durch‘s Valle bis Cofete bzw. dort an den Strand 8 Kilometer lang; die Strecke bis zum Einstieg ins Valle nochmal 4 Kilometer an Straße bzw. über einen weitgehend parallel verlaufenden Wanderweg. Also 12 Kilometerchen zu wandern mit nicht einmal 350 Höhenmetern. Das sollte machbar sein.
Gegen halb elf wandere ich relatv spät bei leicht bedecktem Himmel vom Hotel los. An der Straße treffe ich ein Wanderpärchen, das nicht mehr in den Bus gekommen war und nun versuchte, die vier Kilometer bis zum Valle Grande zu trampen. Das hatte ich mir zwar auch überlegt - es ist eine nicht ganz wenig befahrene Strecke - fand dann aber doch praktischer einfach loszumarschieren. Beim Talanfang ein Parkplatz, auf dem mehrere Autos parkten - wie ich annehme, ebenfalls Wanderer dieses Weges. Noch sehe ich niemanden.
Was ich vor mir sehe … ist allerdings auch nicht wirklich viel. Im Tal ist es nebelig und wolkenverhangen, der immer wieder auftauchende schemenhafte Regenbogen, auf den ich zuwandere, verheißt Nässe .. Mit zunehmender Höhe wird es kühler, ich laufe schon bald in einen durchnässenden Sprühregen hinein, der mich zwingt, das Handy wasserdicht zu verpacken. Schon bald bin ich komplett durchweicht.
Der Blick zurück zum Meer klar, der Blick nach vorne … begrenzt. Es geht moderat bergauf, an den Berghängen weiden Ziegen und Schafe. Der stärker werdende Wind pustet den Sprühregen tief in die Klamotten. Es wird kühler aber trotz Kurzärmlichkeit und Kurzhosigkeit finde ich es in der Bewegung immer noch gut erträglich - vielleicht sowas um die 14°-16°C, schätzte ich. Besser als Hitze und sengende Sonne auf dieser komplett schattenlosen Strecke.
Kurze Zeit später kommt mir das erste von mehreren wandertechnisch ziemlich überzeugend ausgerüstete Wanderpärchen entgegen (ihre Schuhe waren jedenfalls wandertypischer als meine barefoot-Merrells ;) Deutsche. Ich frage sie, ob sie von Cofete - einer Miniansiedlung ohne Übernachtungsmöglichkeit - kommen. Hätte ja sein können, dass sie den frühen Morgenbus genommen hatten und sich zeitig auf den Wander-Rückweg begeben haben.
Inzwischen befinden wir uns ohne Sicht in dichtem Nebelregen; auf Fotos muss ich wegen der stiebenden Nässe verzichten und es gibt letztlich auch nix zu fotografieren.
Die beiden mittelalten bzw. mitteljungen (jedenfalls jünger als ich) Wanderer verkünden, dass sie am Pass umgedreht seien und wegen der schlechten Verhältnisse auf die Wanderung nach Cofete doch besser verzichten würden. Zumal der Weg nach dem Pass „viel enger und rutschiger“ würde.
Ich bin etwas erstaunt. Zwar hatte bei der Wanderbeschreibung gestanden, dass man Kinder nur bedingt mitnehmen soll weil recht anstrengend und geröllig - aber von „gefährlich“ stand da nichts. Selbstverständlich wandere ich weiter. Es kommen mir weitere (vielleicht acht insgesamt?), die Wanderung abbrechende Menschen entgegen: größtenteils in Zweiergruppen, die - ich habe nun jeden davon angesprochen und gefragt - ihr Auto auf dem Parkplatz am Taleingang stehen haben: Deutsche, Niederländer und Franzosen.
Ich werde skeptisch … will mir aber diese lauernden Gefahren - inzwischen bin ich davon überzeugt, auf tiefe Schluchten, Klettersteigpassagen oder schlimmeres zu treffen - auf jeden Falls mit eigenen Augen ansehen. Wandere durchweicht und sichtlos weiter in den Nebel bergauf.
Von hinten schließt ein ziemlich sportlich wirkendes Paar in Laufklamotten auf und überholt flotten Schrittes. Ebenfalls Franzosen. Und ENDLICH eine entgegenkommende zweier-Männer“gruppe“, die verkündeten, von Cofete losgewandert zu sein - hingefahren waren sie mit dem Bus - und es wäre zwar schade, dass man nicht viel sieht - von „Gefahr“ könne ihrer Meinung nach aber keine Rede sein. Es keimt Hoffnung auf.
Dann wieder Abbrecher. Zitat eines Deutschen: „Wer DA weitergeht, ist verrückt! Wenn da was passiert, holt einen niemand ab und wenn doch, nur gegen ordentlich Kostenbeteiligung!“ Ich verkneife mir die Bemerkung, dass ich über den Alpenverein sogar Hubschrauber-abhol-versichert bin … werde aber durchaus immer neugieriger auf die andere Seite des Passes.
Am höchsten Punkt treffe ich auf die debattierenden Franzosen, bei denen sich die Frau zur Rückkehr entschließt, während der Mann flotten Laufschrittes auf der anderen Seite im Nebel verschwindet.
Noch sehe ich nichts, das auf Gefahr hindeuten würde. Die Pfade werden zwar schmaler und gerölliger aber wer jemals auf Trails oder in den Alpen unterwegs war, fragt sich schlicht nur, womit hier jemand ein Problem haben könnte. „Vielleicht kommt‘s ja noch“ denke ich. In Erwartung ausgesetzter Stellen - immer noch ist nicht allzu viel zu sehen außer die direkte Strecke vor den Füßen - laufe ich weiter. Verfalle ebenfalls in leichtes Joggen, freue mich über die schönen Pfade und es dauert nicht lange, bis das erste Mal die Nebelwand aufreißt und ich einen Blick auf die gegenüberliegende Inselseite und das dortige Meer erhaschen kann.
Auch der Regen hat weitgehend aufgehört. Es läuft sich prima. Nirgendwo ist es ausgesetzt. Klar könnte man auf der gerölligen Strecke umknicken oder sowas … aber das kann man letztlich überall.
Dass fast alle heute die Tour abgebrochen haben … muss man nicht verstehen …
Vorbei an der „Villa Winter“ mit z. T. dusterer Nachkriegsgeschichte - von hier aus sollen viele Nazigrößen nach Südamerika geflüchtet sein - erreiche ich bald die kleine Ansiedlung Cofete mit einem ebenfalls kleinen „Restaurant“ (ich hab‘ total verpennt, das zu fotografieren …). Hier ist auch die Bushaltestelle, wo um 16:00 Uhr der nächste und letzte Bus zurück nach Morro Jable fahren würde. Noch mehr als zwei Stunden Zeit …
Ich überlege hin und her … Hunger habe ich eigentlich noch nicht viel, außerdem noch ein plastikverpacktes Schokobrötchen vom Frühstücksbuffet und einen Apfel im Rucksack. Außerdem sind die wenigen Innensitzplätze besetzt, die außen mit Plastikstühlen sehen ungemütlich aus. Es ist windig und ich bin immer noch durchnässt. Wechselklamotten habe ich keine dabei.
Es ist auch völlig unklar, ob im Bus noch Platz für mich wäre … morgens war er voll, Wanderer sind mir nur zwei daraus begegnet und die Wahrscheinlichkeit, darin unterzukommen … viel zu unsicher. Es gibt Touristen und Einheimische, die im eigenen oder Mietauto die Geröllpiste nach Cofete gefahren sind. Ich könnte sie fragen, ob mich jemand mit zurücknimmt oder zu trampen versuchen. Ein Taxi ließe sich auch bestellen …
Ich gehe erstmal den guten Kilometer runter zum Strand und schaue mir einen dortigen alten Friedhof an.
Dann ein bisschen am Meer mit seiner tosenden Brandung entlanggewandert. Der Wind hat meine Klamotten inzwischen ziemlich trocken geweht, es regnet nicht. Ich esse mein Schokobrötchen, trinke Wasser … und beschließe, den Weg einfach wieder zurückzuwandern.
Der Bergpass verschwindet zwar weiterhin in Wolken und Nebel aber mir scheint, es wäre doch ein wenig lichter dort geworden.
Gut übrigens vermutlich, dass es fast den ganzen Weg über regnerisch und bedeckt war. Wie würden meine Beine aussehen, hätte die Sonne geschienen? Zumindest Sonnencreme hätte ich benutzen müssen. Die habe ich dabei … vermeide den Einsatz aber, wo immer es geht. Kann das Zeug einfach nicht ausstehen ….
Und so mache ich mich nach nicht allzu langem Aufenthalt auf dieser Inselseite zurück in Richtung Pass. Kann sogar ein Kilometerchen abkürzen und den direkten Weg entlang der „Villa Winter“ auslassen (ein freudiges „Hoch“ einmal wieder auf meine App „TopoMaps“, die mir alle auch kleinen Nebenpfade anzeigt).
Vorbei an lebenden und toten Weidetieren - wobei die toten Überreste von ziemlich vielen davon so aussehen, als wären sie bewusst dort deponiert worden. Eine Futterstelle für die hier angeblich lebenden Schmutzgeier? Gesehen habe ich leider keine davon. Überhaupt begegnen mir nicht viele Tiere. Außer den Schafen und Ziegen sehe und höre ich einige Vögel, riesige Zikaden propellern schnell und unfotografierbar manchmal sogar direkt neben mir auf und fliegen weiter. Auch ihr Gezirpe ist oft zu hören. Hier und da ein huschendes Hörnchen und wenige Echsen. Ebenfalls für mein Handy zu schnell weghuschend.
Zugegeben: so richtig viel Lust hatte ich nicht auf den Rückaufstieg zum Gipfel. Aber immerhin ist es nicht mehr ganz so neblig und ein bisschen was kann ich sehen. Fast wäre mir beim Filmen das Handy weggeflogen. Die Insel macht hier ihrem Namen alle Ehre. Die Vientos - oder in alter Sprache: venturas - sind ziemlich fuerte (stark).
Was mich begeistert: nun bekomme ich auch das Valle Grande zu sehen, das mir auf dem Hinweg im Nebelregen verborgen geblieben war. Jedenfalls in seiner kompletten Länge und Schönheit.
Nun reicht der Blick bis zum Meer. Es wirkt deutlich kürzer als es real ist. Niemand begegnet mir auf dem Rückweg, der anfangs noch Spaß macht, sich dann aber wahnsinnig zäh zu ziehen beginnt. Wieder lege ich einen Jogging-Schritt an den Tag. Werde müde und schlapp. Immer müder und schlapper … freue mich fast, als doch wieder kurz ein Sprühregenfeld durchzieht und mich erfrischt. Andererseits beginne ich zu frösteln … trotz zunehmend warmer Temperaturen.
Zurück im Hotel - mühsam hingeschleppt mit immer stärker schmerzenden Füßen - die Erkenntnis: das war mal wieder grenzwertig für meinen aktuellen Fitnessstand. Eher `ne Runde drüber. Müssten so ca. 24 bis 26 Kilometer mit gut 700 Höhenmetern gewesen sein.
Alles beginnt zu schmerzen; erste Krämpfe kündigen sich an. Garantiert werde ich heute nirgendwo mehr hingehen. Auch nicht zum Essen. Keinen unnötigen Meter mehr! Habe noch Kefir, Nüsse und Schokolade da - das muss und wird reichen. Koche mir mit dem für Gäste bereitstehenden Wasserkocher eine Kanne Tee.
Die TeeTasse in Reichweite … entsteht so schon heute dieser Blogbeitrag. Und dann: Gute Nacht! Morgen ist wieder Strand angesagt, schätze ich mal …
🦵🏽 🦵🏽 🩼 😫


















