08 Juli 2022

Ingolstadt

Endlich! Schon seit für meine Verhältnisse ewigen Zeiten wollte ich mir Ingolstadt anschauen. Irgendwann hatte mir jemand erzählt, es sei - dafür, dass es so unbekannt ist und die meisten Münchner es nur als hässliche Außenansicht von Ferne von der Autobahn aus kennen - unerwartet interessant und sehenswert und mit einigem Flair versehen dazu. 

Als fünftgrößte Stadt Bayerns kennen es die meisten Auswärtigen als Autostadt (Audi), für das wohl riesige Outlet-Center vor den Toren (kann ich nicht beurteilen, interessiert mich nicht) und ansonsten gar nicht. Mir war erzählt worden, dieses Image würde der lebendig-attraktiven Stadt in keiner Weise gerecht und so nutzte ich mein 9-Euro-Ticket zur Überprüfung vor Ort.

Trotz Warnungen auf dem Bahnportal vor Überfüllung der Regionalzüge fand ich sowohl auf Hin- als auch auf Rückfahrt jeweils angenehme Sitzplätze - wobei es in der Tat gerammelt voll wurde in den Bahnen - und alle Verbindungen kamen fahrplangetreu auch an.

Lange angedacht aber dann doch eher spontan verwirklicht, hatte ich keine konkreten Vorbereitungen für den Tagestrip getroffen, schlenderte nach Busfahrt vom Bahnhof einigermaßen ziel- und planlos kreuz und quer. Bis ich die Asamkirche in der Innenstadt betrat - mir war bekannt, dass es sie gibt .. mehr nicht.

Am Eingang war von "Kasse" und "3 Euro" die Rede bzw. die Schreibe. Aber als ich den Geldbeutel zückte, klärte mich die sehr sympathische Kassenfrau darüber auf, dass an diesem Tag und während der gesamten Zeit des momentan stattfindenden Stadtfests (es wurde zum Teil noch aufgebaut mit vielen Bühnen, Buden und temporären Einrichtungen) alle Museen in Ingolstadt kostenfrei besichtigt werden können. Na super! Prima Termin getroffen :-) 

Nach Durchschlendern und Betrachten der Kirche - die mich übrigens nicht allzu sehr inspirierte - bedankte ich mich nochmal bei der Frau, sie freute sich, wir kamen ins Plaudern und ich fragte sie aus einem spontanen Impuls heraus:

"So! Sagen Sie: was mache ich jetzt am besten mit den paar Stunden, die mir mein 9-Euro-Ticket-Besuch noch für Ingolstadt übrig lässt? Außer Asam-Kirche weiß ich hier eigentlich nix. Was würden Sie sagen, das ich mir heute noch ansehen sollte?"

Ihre Antwort ist verantwortlich für diesen Blogbeitrag. 

Einschub / Randanmerkung

Denn: meine Bloglust tendierte in den nachurlaubs-Monaten gegen Null. Natürlich gab es hier und da Unternehmungen, Besichtigungen, Veranstaltungen etc., aus denen sich einige Momentaufnahmen hätten extrahieren lassen. Aber es war mir den Zeitaufwand nicht wert.

Einschub-Ende

Was also war die für mich zunächst erstaunliche Antwort der Asamkirchen-Kassenfrau? Sie sagte:

"Dann gehen Sie unbedingt ins Medizinhistorische Museum in der Anatomiestraße!"

Ichso: "öööhhh" ... Medizinhistorisches Museum? Hmpf ... "Da wäre ich jetzt mal so gar nicht drauf gekommen" ... Mit Begeisterung und Nachdruck wurde mir vom Jubiläum der Universität, der Ausstellung und der wirklich tollen Gestaltung ebendieser erzählt, von dem schönen Gebäude, dem tollen Kräutergarten und dass man dort in wirklich guter Atmosphäre sitzen und Kaffee trinken könne ...  so dass ich nach kurzem Erstaunen mich bedankend entschied:

"Okay! Wenn Sie das sagen, dann mache ich jetzt genau DAS und gehe dahin. Vertraue Ihnen einfach mal ohne Hinterfragen.  Ich habe schließlich gefragt und eine unerwartete Antwort bekommen. Schon deshalb werde ich das jetzt machen und mir die medizinhistorische Ausstellunge angucken. Basta!"

Wir plauderten noch ein Ründchen. Von der Asamkirche und auch von Ingolstadts wirklich nett-atmosphärischer Innenstadt habe ich übrigens keine Fotos gemacht weil ich inzwischen der Meinung bin: die besseren Fotos von den üblichen Ansichten touristischer Standardziele gibt's im Internet oder in Fotobuchbänden. Mir müllen sie nur Festplatte, Cloud, Blog und Tageszeit zu. 

Dann schlenderte ich durch die Altstadt zum Medizinhistorischen Museum, das - by the way erwähnt - 2021 den Bayerischen Museumspreis gewonnen hat. Verdient, würde ich sagen.

Um mich nicht zu sehr in begeisterten Inhalten zu verlieren: selten habe ich einen besser, unterhaltsamer und inspirierender besprochenen Audioguide gelauscht. Anfangs noch misstrauisch, was denn bei einer ollen Steintafel so interessantes zu hören sein würde, wählte ich - die Buchstaben am Anfang eines Rundgangs haben ja doch die höhere Chance, auch gedrückt zu werden - die entsprechende Nummer und erfuhr, dass eine andere, leider nicht mehr erhaltene Gedenktafel schon vor Jahrhunderten eine Inschrift trug, laut derer der Tod selber hier zu Grabe getragen wurde. Und zwar von der Medizin, die ihn bald überflüssig machen würde. Diese Hybris! Dieser Erzählstil ... schon war ich auch innerlich mitten in der Medizingeschichte angekommen, lauschte hingerissen allen Kapiteln des Audioguide und knipste dann doch endlich diverse Exponate. 


Hier zeige ich nur die "harmlosen" Exponate. Die wirklich gruseligen mit Gänsehauteffekt - insbsondere aus der Geburtsabteilung -  lasse ich aus. Irgendwie finde ich gut, gesehen zu haben, dass es sowas gibt. Naturgetreue farbige Zeichnungen bzw. Gemälde übrigens z. B. von einer bei der Geburt verstorbenen sehr jungen Frau nach oder während der Sektion. Mit allen Einzelheiten vom Gesichtsausdruck der gerade Verstorbenen fast noch kindlichen Frau bis zum geöffneten Bauch, dem darin noch befindlichen ebenfalls toten Ungeborenen und den anatomischen Einzelheiten von Gebärmutter, Muttermund etc.. Das ist schauderhaft in seiner Realität. Im Blog möchte ich es aber nicht abfotografiert zur Schau stellen.

Viele, viele Exponate rund um dieses Thema von Nottaufenspritzen für das noch Ungeborene, das wohl gleich sterben wird samt vieler ähnlcher Hebammenausrüstungsgegenstände über Gebärstühle, Seziertische, Pestmasken, Missbildungsopfern ... puh .. harter Stoff zum Teil. Insbesondere in Begleitung mit den über Audioguide ergänzenden Erläuterungen, Anekdoten, Hintergründen ...

Gelernt dazu - ich zumindest hatte es vorher nicht gewusst: 

  1. Titel eines Bereichs der Ausstellung lautet:
    "Der berühmteste Student Ingolstadts hat nie existiert - Dr. Frankenstein"
    Die englische Schriftstellerin Mary Shelley hat ihre Geschichte von Frankenstein - einem neuen Wesen in Ungestalt, geschaffen aus Leichenteilen vom Wissenschaftler,  Mediziner, Professor der Ingolstädter Uni und diesem schließlich sich verselbständigend über den Kopf gewachsen, - in Ingolstadt handeln lassen. An der dortigen Medizinischen Fakultät.
    Kannte die Autorin den Grabstein, laut derem der Tod zu Grabe getragen werden sollte von der Medizin und hat sie das inspiriert? Wir wissen es nicht. Aber spannend ist das allemal.

  2. der Orden der Iluminaten (auch Goethe war Mitglied),  der durch Aufklärung, Vernunft und sittliche Verbesserung die Herrschaft von Menschen über Menschen überflüssig machen sollte, auch er wurde in Ingolstadt an der dortigen Uni gegründet. Weisheit für alle? Gleichberechtigung? Keine Macht mehr den Mächtigen? Geht ja gar nicht! Wurde natürlich verboten und würde auch heute schnell auf der Liste der Verfassungsschützer landen.

Auch der Kräutergarten und die Außenanlagen - wie versprochen stimmungsvoll. Mit surrenden Bienen samt Bienenstock, Schmetterlingen, Seerosenteich .. sehr hübsch!


 
 
Ingolstadt hat vieles von dem, was Städte in Bayern stimmungsvoll macht: einen Fluss (Donau) mit schöner Uferpromenade, überdurchschnittlich viele und auch sehr schön gestaltete Parks und Grünflachen, bunte Giebelhäuser in der Innenstadt, großzügige Fußgängerzonen mit auch noch individuellen Geschäften zwischen all den Ketten. Gemütliche Restaurants, Cafés, Außengastronomie, eine Eismanufaktur. Lecker! ... ich durchschlenderte alles genießend und ohne die Kamera bzw. das Handy zu zücken. Aber dann, direkt neben dem Rathaus und auf zentralstem Platz der Innenstadt, zwischen all der Bayernnostalgie ... dann kam DAS:
 
 
Dieses gruselige ... Ding! Schandwerk! ... es steht in der Mitte der Innenstadt. Zentral. Blickfüllend. Völlig irre!
 
Ich war aus einer Straße direkt gegenüber frontal darauf zugesteuert und hatte es ohne Vorwarnung in Vollansicht. Wie angewurzelt und mit runterklappender Kinnlade leicht hysterisch kichernd starrte ich das Monster - Frankenstein ist ein Scheiß dagegen! - komplett von den Socken an.

Das kann doch nicht sein! In welcher Art von geistiger Umnachtung ist sowas jemals genehmigt worden? Josef Beuys-Kunstaktion oder was? Ich habe mich (noch) nicht darüber schlau gemacht. Aber immerhin hat es dieses ... dieses ... ja, was sagt man eigentlich zu sowas? .. Ungetüm ... vermocht, mich doch nochmal zur Kamera greifen zu lassen. So irre, dass es fast schon wieder gut ist :o)

Das war für mich Ingolstadt: hübsche Altstadt an der Donau mit Uferpromenade, hübschen Häusern, viel Kunst am Wegesrand, Leben, jung und bunt. Dazu international und vielsprachig. Ich mag das!  Viele Grünflächen, Parks, Anlagen. Theater, Bühnen, junges Volk. Scheußliche Ausreißer der Architektur.  Interessantes Museum, aufgeschlossene Menschen, gutes Wetter.  Ein schöner Tag.

 



2 Kommentare:

regenfrau hat gesagt…

Liebe Lizzy,
was für eine schöne Art, eine Stadt zu erkunden! Tolle Idee, dich auf die Empfehlung der Kirchendame einzulassen und noch besser, dass das Ergebnis so positiv ausfiel!
Ich konnte so wieder etwas über Ingolstadt lernen. Interessanterweise habe ich gerade am Donnerstag einen Bericht von Percy und Mary Shelley gelauscht (https://oe1.orf.at/player/20220707/685070). :D

Deine Unlust zu bloggen mag vielleicht damit zusammenhängen, dass deine Urlaubsberichte, dem Erleben entsprechend, sehr intensiv waren. Da können die nächsten, in den Alltag eingestreuten Unternehmungen schon mal nicht ganz so berichtenswert dagegen erscheinen.
Umso schöner, dass du uns an diesem Ausflug wieder hast teilhaben lassen. :)

lizzy hat gesagt…

Guten Morgen Doris,

Danke für den Link - ich werde mir das anhören!

Die Blogunlust hat wohl auch damit zu tun, dass momentan nicht genug Sonne für meine Blog-Sonnenuhr scheint.

„Der Blog ist meine Sonnenuhr, erzählt die heitren Stunden nur“

Wobei „heiter“ nicht nur tolle Sachen meint. Es können Unfälle, Ausfälle, Pannen, Krankheiten genauso auftauchen wie die Schokoladenstunden. Aber um zu bloggen brauche ich eine Art „innere Sonnen-Grundstimmung“ und im Moment herrscht eher bedeckte bis regnerische innere Wetterlage. Sowas wie ein Dauertief. Ingolstadt war ein netter Zwischen-Sonnenstrahl und brachte mich zum nächsten Poesiealbum-Spruch. Eins meiner Lieblingsgedichte und von Theodor Fontane:

Tröste dich, die Stunden eilen,
und was all dich drücken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen,
und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew'gen Kommen, Schwinden,
wie der Schmerz liegt auch das Glück,
Und auch heitre Bilder finden
ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe. Nicht vergebens
zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens,
und es kommt ein andrer Tag.



In diesem Sinne: einen sonnigen Sonntag allen!