13 November 2020

In den garstigen Klauen der Gicht

Die Aussicht auf körperlich fittes Altern und ein späteres Dasein als rüstige Rentnerin; unterwegs in Bergen, Welt und bei Laufveranstaltungen, sie bröckelt dahin .. dahin ... und meine Neigung zum persönlichen Datenexhibitionismus lässt es mich hier öffentlich bewehklagen.

Langsam wichen die Mobilitätseinschränkungen infolge des Wirbelbruchs als mich - aus nicht gänzlich aber doch relativ heiterem Himmel - ein Gichtanfall im großen rechten Zeh erneut erlahmen ließ. Gründlich! Unvorstellbar für nicht-Betroffene, wie schmerzhaft so ein Zeh sein kann. Bestätigt von Mitleidenden: es soll an Geburtsschmerzen heranreichen , was ich durchaus bestätige.

 Auch der Wirbelbruch war äußerst schmerzhaft. Dort reichten aber jeweils eine- und insgesamt nur zwei davon - freiverkäufliche IBU 400 für einige Schlafstunden. Während die Gichtschmerzen mehrere Tage lang auch mit den vom Arzt verschriebenen IBU800 nicht weniger werden wollten und lediglich halbstündige gnädige Erschöpfungsschlafphasen erzwangen. Es zu beschreiben ist fast nicht möglich - es nicht noch einmal erleben zu müssen, bin ich bereit, alles mir mögliche zu tun.

Ein chemotherapieartiges Akutmedikament der Herbstzeitlosen, bei dem die Wirkung im Grunde in einer Vergiftung besteht, habe ich ohne Zögern eingepfiffen. Hätte vermutlich auch mein Todesurteil unterzeichnet, wenn dadurch Linderung in Aussicht gestellt worden wäre. Erstaunlich übrigens, dass schon die alten Ägypter vor mehr als 3000 Jahren erkannt hatten, dass die Herbstzeitlose gegen Gicht und Rheuma wirkt und verstanden, die Dosierung im wirksamen aber nicht tödlichen Bereich zu halten (was garantiert auch nicht immer gelungen ist - außerdem erkennt man daraus unschwer, dass die Krankheit auch ohne industriell verarbeitete Nahrungsmittel - die sie allerdings in heutigen Zeiten noch zusätzlich anfeuern  - ausbrechen kann und konnte).

Überhaupt sind die gegen Gicht verfügbaren Medikamente extrem nebenwirkungsreich und werden kritisch selbst in Fachkreisen kontrovers aber tendenziell ablehnend  diskutiert. Als besserer Schalthebel gilt immer noch die Anpassung des Lebensstils mit Gewichtsreduktion in den Normalgewichtsbereich und Vermeidung diverser Lebensmittel. 

Eine Garantie, keinen Anfall mehr zu erleiden, ist das immer noch nicht. Die Kristalldepots wurden in Organen und Gelenken lange aufgebaut - es gab Warnschüsse aber ich habe sie nicht korrekt interpretiert! - und es wird Jahre dauern, sie - wenn überhaupt jemals - wieder komplett aufzulösen und abzubauen. Gicht als Stoffwechsel-Krankheit?-Besonderheit?-Anlage? ist nicht heilbar sondern man hat lebenslänglich. Die Neigung dazu bleibt und tanzt einen geimeinsam-metabolischen Reigen mit Diabetesneigung, Bluthochdruck und erhöhten Cholesterinwerten. Kenne ich alles.

Und es nützt ja auch nix, zu lamentieren: "Der oder die ist aber viel dicker als ich und isst viel mehr und bewegt sich viel weniger und hat das nicht!" Tja - ist eben so. Von Gerechtigkeit auf Erden war bei der Geburt keine Rede. Gab's keine Versprechen und Verträge für.

Man geht von ca. 5% der Frauen aus, die von der Anlage betroffen sind und ca. 20% der Männer. Bei ungefähr einer von 100 Frauen bricht  sie hierzulande aus. Lottogewinne sind seltener und kommen trotzdem vor. Wenn auch nicht bei mir - ich bekomme Gicht ;)

Goethe, ebenfalls Opfer der Gicht und theoretisch wie praktisch gut vertraut mit allen denkbaren Medikamenten von Arnika über Bilsenkraut bis Opium, zeigte sich früh als Medikamentenskeptiker und lässt im FaustI seinen Dr. Faust über sich und die Kollegen seiner Zunft sagen:

"Hier war die Arzeney, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?
So haben wir, mit höllischen Latwergen,
In diesen Thälern, diesen Bergen,
Weit schlimmer als die Pest getobt. 

Ich habe ſelbſt den Gift an Tauſende gegeben,
Sie welkten hin, ich muß erleben
Daß man die frechen Moͤrder lobt."

 

Die Medikamente für den akuten Anfall habe ich eingworfen - langfristig setze ich auf Lebensstiländerung. Ein BMI <25 soll laut Fachliteratur angestrebt werden. Meiner steht aktuell bei 27.

Einige Lebensmittel werden schon als Begriff aus meinem Wortschatz gestrichen. Dazu gehören Bier (kein Problem), Innereien (ich mag die schon, aber soviel ist mir das nicht wert), Schalen- und Krustentiere (Muscheln mag ich eh nicht, Hummer und Austern hab ich nie versucht und werde das eben auch nie tun; um Krabben, Garnelen und co. ist es schade aber kein Drama) und die Haut von Tieren (da blutet mir ein bisschen das Herz ... aber nützt ja nix ...) . Da auch Fructose, die den meisten süßen Industrielebensmitteln reichlich zugesetzt wird, zu den ganz ganz Bösen gehört, wird auch mein heißgeliebtes Eis weitgehend rausfliegen. Eine dicke Träne insbesondere der Sorte "salted caramel von Mövenpick" zum Abschied ;'-(

Anderes wird zunächst gestrichen und dann, wenn die ersten Gewichtsmeilensteine erreicht wurden, in kleinen Mengen wieder zugelassen. Das Abnehmen muss langsam erfolgen, da auch Diäten mit starker Kalorienreduktion das Ausfallen der Harnsäure als Kristalle provozieren und damit einen Anfall auslösen können. 

Schnell geht bei mir ohnehin nicht. Bei einem Tages-Grundbedarf von ca. 1.500kcal/Tag (kleine Frauen jenseits der Wechseljahre haben da die Arschkarte) bräuchte es fast eine Woche Nulldiät, um ein Kilo Fett zu verbrennen. Etwas realistischer - zumindest beim gleichzeitigen Hochschrauben des Kalorienverbrauchs durch Bewegung - ist also die Erwartung, monatlich max. ein Kilo davon abzubauen und meine früheren Erfahrungen betstätigen das - dazu kommen unvermeidliche Zeiten mit vermutlich auch - hoffentlich nur kleinen -  Rückschlägen und Plateaus. Womit ich wieder auf Kurs bin zum: Mit 60 unter 60.

War ein harter Wegweiser nach Verirrung in die falsche Richtung. Aber wirkt hoffentlich!

Zugegeben: in der Woche vor dem Anfall oder sogar schon in zwei Vorwochen hatte ich es geradezu "gerufen" und - wer kennt schon Risikofaktoren für eine Krankheit, von der er nicht weiß, das er sie hat? - so ziemlich alles gehäuft getan, was mit Gicht verboten ist.

Gut daran: jetzt weiß ich es wenigstens. Vielleicht besser, als - unwissend - an der unteren Schwelle immer weiter Kristalldepots in Gelenken, Organen und Haut aufzubauen.

 Sauerkirschsaft soll - warum auch immer - eine sogar nachgewiesene Wirkung beim Abbau der Harnsäure haben. Ein heißer Dank von mir an die großherzig-empathische Päckchenschickerin, die dafür sorgte, dass ich in Rekordgeschwindigkeit an den Stoff kam, den ich selber hier noch nicht hatte auftreiben können.

 

Denn selbstverständlich habe ich inzwischen ALLES - zum Teil auch widersprüchliche - gelesen, Ernährung und Verhalten werden entsprechend umgemodelt - ein bisschen problematisch könnte das mit dem ruhigeren und gemütlicherem Angehen der Dinge werden (denn auch Aufregung und sogar körperlich starke Belastungen wie OPs, Verletzungen - siehe Wirbelbruch - können Auslöser sein. Ein Gruß vom Cortisol ...), dazu muss ich noch die Mittel für Hirnwäsche finden .... ich fang' mal damit an, wieder mehr grünen Tee zu trinken. Hab' ich dieses Jahr noch gar nicht ... und überhaupt gilt als goldene Regel: nur nicht dehydrieren! (kann auch einen Anfall auslösen).


 

Nicht nur Sauerkirschsaft sondern auch Mineralwasser mit Hydrogencarbonat soll günstig wirken und da unser Trinkwasser zwar sauber aber arm an Mineralien ist, gibt's jetzt hier eben Mineralwasser mit den entsprechenden Werten. Und wenn ich unterwegs bin, werde ich nicht mehr nach lokalen Bierspezialitäten Ausschau halten, sondern nach geeigneten Mineralwassern. Vulkanische Gegenden sind aussichtsreiche Quellen - und schöne Thermen gibt's dort auch meistens.

Auch bei Hobbys gilt es, flexibel zu bleiben ;-)


 
Weiteres gepriesenes Hausmittel: Sellerie. Hier im Backofen mit wenig Olivenöl bepinselt und einem Ei drüber gebacken 
 
(Eier und Milchprodukte sind - im Gegensatz zum bösen Fleisch - purinarm und damit günstig und dem Abbau der Harnsäure förderlich. Merke: "gesund" ist kein universell gültiger Begriff bei Lebensmitteln sondern durchaus je nach Anlage und Lebensstil ziemlich individuell.)
 
Auch Selleriesuppe,   Möhren-Orangen-Suppe  standen bereits auf dem Plan und viele weitere werden folgen. Im Grunde macht es ja auch Spaß, sich ab und zu in neuen Ernährungsmustern auszutoben.
 


So sah das heutige Frühstück  aus und hatte nur ca. 300 kcal: als Rohkost Sellerie, Spitzpaprika und Tomate mit Radieschenkresse, Pfeffer und etwas Walnussöl. Dazu zwei selbstgebackene Körnercracker mit Quäse und einem Spiegelei. Da kann frau doch nicht meckern!

Die ersten 4 Jogging-Kilometer habe ich heute, 10 Tage nach Beginn des Anfalls trotz noch empfindlicher und leicht angeschwollener Stellen am Fuß auch wieder absolviert. Ob die erhofften 2020 Kilometer für das Jahr 2020 noch erreichbar sind? Vermutlich eher nicht ... aber sei's drum. Es ist, wie es ist.