16 November 2018

Ansichten einer Kirche - auf die Perspektive kommt es an

  1. Außenansichten
und schon wieder eine andere Kirche - erstmal so von außen betrachtet: die Klosterkirche der Benediktiner-Erzabtei St. Ottilien in Eresing (Nähe Ammersee)



Was treibt mich, die sich - sofern es aus irgendeinem Grund nach einer Einsortierung ruft - zur Agnostikerin erklärt, immer wieder in und hin zu Kirchen? Sonderlich an Kunst und Architektur interessiert kann ich mich auch kaum nennen. Zumindest fehlt es an Ahnung und Wissen dazu ... nicht aber an BeGEISTerung dafür und davon.

Doch zunächst trieb mich die Notwendigkeit, das Wohnmobil bei einer Citroen-Vertragswerkstatt von zwei kleinen - noch unter die Garantie fallenden - Macken befreien zu lassen, in diese Gegend. Gar nicht bedacht im Vorfeld: nachzusehen, wo eine Vertragswerkstatt in unserer Nähe auch über eine Halle mit ausreichender Höhe verfügt.

So richtig in der Nähe ist Türkenfeld nicht - für die knapp 50 km brauchte ich dank zähen Berufsverkehrs gut 1,5 Stunden, was trotzdem nicht stresste, da die Erfahrung mit Münchner Verkehrslagen mich zu rechtzeitiger Abfahrt gebracht hatte. Inzwischen liebe ich es, den Citroen-Jumper mit PösslAufbau zu fahren und so gerne ich den besten Mann der Welt bei mir habe: es hat einen speziellen Reiz, alleine damit unterwegs zu sein. Unter andrem den, beim Fahren mit fast-TruckerInnenGefühl schief mitsingen zu können zur Musik aus iPhone oder Radio ohne (zu Recht!)  schief angesehen zu werden und einen SingMaulkorb verpasst zu bekommen.


Der ursprüngliche Tagesplan hatte grob gelautet: im Anschluss an die Mobil-Wiederherstellung mit selbigem an den Ammersee zu fahren und dort ein Ründchen zu laufen. Alle Klamotten dafür entsprechend an Bord und doch dann vor Ort nicht die rechte Begeisterung dafür entwickeln können.

So nutzte ich die Wartezeit, nach Einkaufsmöglichkeiten für ländliche Produkte: Bäcker mit eigener Backstube, Hofläden etc. zu googlen, fand vielversprechende Adressen in direkter Nähe und entschloss mich nach einem Einkauf im Hofladen des Riedhofs und einer Bäckerei in Eresing, noch die dort ausgeschilderte und mir bis dahin komplett unbekannte Abtei St. Ottilien aufzusuchen. Ohne spezielle Absicht und mehr im Sinne Goethes (Zitat aus den Gesprächen mit Eckermann):

So habt doch endlich einmal die Courage, Euch den Eindrücken hinzugeben, Euch ergötzen zu lassen, Euch rühren zu lassen, Euch erheben zu lassen, ja Euch belehren zu lassen und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen; aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre!


Ich habe den Abstecher nicht nur nicht bereut sondern zum Tageshauptpunkt erhoben, habe mich anrühren, erheben und begeistern lassen. Ammersee? Kann ja jeder ;-)

Die Kirche nicht von berühmten Baumeistern erbaut sondern ohne nennenswerten Baustil; zwar groß und mächtig aber nicht bombastisch, zeigt sie sich aus jeder Perspektive etwas verändert. Was mich dazu veranlasste, die diversen Facetten und Bedeutungen von Kirchen für mich persönlich zu durchdenken, durchfühlen, Revue passieren zu lassen.

Von der Frühzeit mit fundamentalistisch-katholischer Erziehung, die das Kind anfangs beGEISTerte, den Geist befüllte, erweckte ... aber schon bald entstanden Risse im, neue und andere Facetten, Zweifel, die Ansicht wurde getrübt von den Realitäten der Institution oder wie ... Goethe wieder mal (nochmal aus den Eckermann-Gesprächen) es formulierte:

Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen...

 

Andererseits: ein Zentrum zu haben in dieser Welt, auf etwas zentriert zu sein, das den Anspruch hat, alle Wirklichkeiten incl. aller Unbekannten abzudecken, sich zentriert und symmetrisch ausgerichtet zu wissen, das hat auch Vorteile.



Die diversen (Seiten)Ansichten und Einsichten aus allen denkbaren bzw. an diesem Tag einnehmbaren Perspektiven rührten und regten an:

Das Gleiche läßt uns in Ruhe; aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.(Goethe)



Der lange Rundgang mit ausgiebigen Perspektivwechseln war begleitet von einem im Kloster-Buchladen aufgeschnappten Ohrwurm: "Kommet ihr Hirten" begleitete mich durch den Tag, über die Heimfahrt, den Abend .... " Nun soll es werden Friede auf Erden, den Menschen allen ein Wohlgefallen...." *sing*  ... und weil das, was die Discounter mit Weihnachtsgebäck können, ich schon lang mit Weihnachtskirchenliedern kann, kaufte ich diverse Versionen nicht nur dieses Liedes ...  "Was wir dort finden, lasset uns künden, lasset uns preisen in frommen Weisen. Halleluja."  ... *schmetter*  sondern auch vieler anderer - allen voran meinem never-ending-immer-wieder-Ganzjahres-Ohrwurm "Adeste fideles"  und dudele sie seitdem in Endlosschleife meistens mitsingend ab. Für mich ist die Vorweihnachtszeit endgültig eröffnet.



Gelegentlich versperren Mauern und andere Hindernisse den Blick auf's Wesentliche.

Angelus Silesius: 
„Mensch werde wesentlich
.
.
Halt an, wo läufst du hin – der Himmel ist in dir! 
Suchst du Gott anderswo. Du fehlts ihn für und für"



  In der Ottilienkapelle hätte ich gerne ein Kerzlein angezündet und die Schutzheilige, die insbesondere bei Augenleiden angerufen wird, mit einer Bitte bemüht. Leider war die Kapelle geschlossen.



Der umfassendste Blick auf Kirche, Leben und den ganzen Rest ergibt sich eindeutig aus Sicht des Endes. Doch dazu später mehr.


2. Innenansichten



Ohne Prunk und Protz verströmt der Innenraum  der Abteikirche per Foto nicht vermittelbare spirituelle Schwingungen, die das Wort BeGEISTerung neu erfühlen lassen. Hier dominiert der innere individuelle Geist der wirkenden Menschen, denen ich ihre tief empfundene Leidenschaft durchaus glaube und nicht die Institution Kirche, der in vielerlei Hinsicht zu misstrauen ist.

Es ist der Welt nicht gegeben, sich zu bescheiden: den Großen nicht, daß kein Mißbrauch der Gewalt stattfinde, und der Masse nicht, daß sie in Erwartung allmählicher Verbesserungen mit einem mäßigen Zustande sich begnüge.(Goethe)


Und schon wieder ein potenzieller Ort auf der Orgelkonzert-Besuchslisten.

3. Detailansichten




 Zwischenstation Fegefeuer?


Ein Rundgang über und um das weitläufige Klosterareal mit Gärtnerei, Rinderzucht, Tagungssälen, autarker Energieversorung mit Biogasanlage, Druckerei, Hofladen, Gymnasium und einigen Einrichtungen mehr  fasziniert rundum. Geschichte des Klosters, Ausrichtung des Ordens (Missionarsorden in der Hauptsache - worüber sich zugegebenermaßen trefflich diskutieren und streiten ließe) ... ich lasse alle aufmerksam durchgelesenen Erläuterungstafeln und Andachtssprüche wirken.

Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, 
denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit 
(Goethe)


Auch der Tod hat seinen nicht versteckten Raum - hier werden die Verstorbenen für alle sichtbar und besuchbar aufgebahrt:

Der Tod ist doch etwas so Seltsames, daß man ihn, unerachtet aller Erfahrung, bei einem uns teuren Gegenstande nicht für möglich hält und er immer als etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist gewissermaße eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird. Und dieser Übergang aus einer uns bekannten Existenz in eine andere, von der wir auch gar nichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, daß es für die Zurückbleibenden nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht. (Goethe)


Tiefste Erschütterung auch bei den sichtbaren Zeichen der Gewalt vor noch nicht allzu lang vergangener Zeit. Auf dem Judenfriedhof wurden Opfer des KZs Dachau begraben, die nach Kriegsende von den Amerikanern ins von den Nazis zum Lazarett umfunktionierte Kloster gebracht wurden aber trotz der dortigen Versorgung nicht überlebten.


Auch der Klosterfriedhof ist eindeutig einen Besuch wert. Die in der Klosterschmiede gefertigten Grabkreuze echte Hingucker, die oft vom Leben der dort Begrabenen erzählen.


Die Gräber im Bild oben - leicht zu erkennen - gehören einem Missionarsbruder ("Apostel der Massai") und einem  (Holz)Handwerker.


Auch die Leidenschaften der in diesem oben zu sehenenden Grab begrabenen Mönche sind nicht schwer herauszufinden. Der eine spielte die Orgel, der zweite sprach wohl recht gerne dem Rebensaft zu ;)

Doch am interessantesten von allen fand ich das unten zu sehende Grabkreuz: ein Herz, an bzw. in dem drei Schlüssel fest eingeschlossen sind und dieses Herz auch noch umrankt von einer stacheligen Dornenhecke ... was mag dieser Bruder wohl für ein CharakterTyp gewesen sein? Zumindest hat er den Schmied seines Grabkreuzes zum sehr individuellen Kunstwerk inspiriert!


Einige Stunden waren vergangen mit der intensiven Betrachtung aller einsehbaren Klosterecken, das Tempo immer weiter gedrosselt außen wie innen ... der im Vorfeld angedachte Lauf auf den um das Kloster ausgewiesenen Wanderwegen fiel aus. Passte nicht ins tempogedrosselte, nach innen gerichtete Tagesbefinden.

Außerdem war mir kalt und ungemütlich, ich hatte entschieden, auch im hiesigen Hofladen meine Vorräte an Frischfleisch von frei laufendem Geflügel weiter aufzufüllen, überbrückte die Zeit bis zur Nachmittagsöffnung mit einem Espresso im Wohnmobil (SO herrlich, sein Domizil dabei zu haben!) und begab mich anschließend auf die noch berufsverkehrsfreie Rückfahrt.

Ein spiritueller Tag mit Einläuten der "staaden Zeit". In diesem Sinne lasst uns froh und munter sein!

 

Kommentare:

Elke hat gesagt…

Liebe Lizzy,
wow, wozu Dich das WoMo doch so entflammen lässt! Bzw. Dir die Gelegenheit dazu bietet! Ich finde, Kirchen und Friedhöfe im Herbst haben eine besondere Aura. Einen KZ-Friedhof habe ich bisher noch nie gesehen. Hatte der nicht eine ganz besondere Atmosphäre?
Erzählende Grabkreuze finde ich auch schön, geben sie doch noch weitere Details zum Verstorbenen preis. Schön, dass das anscheinend zumindest in der Deko, wiederkommt.
Liebe Grüße
Elke

lizzy hat gesagt…

Liebe Elke,

insgesamt bin ich ja ziemlich leicht entflammbar auch ohne WoMo aber mit ihm gelange ich eben wieder zu neuen Orten, Ideen, Tendenzen und das macht Freude. Die Atmosphäre war dort überall irgendwie besonders an diesem Tag; nicht nur auf dem jüdischen Friedhof. Natürlich kann das auch an mir und meiner Tagesstimmung gelegen haben.

regenfrau hat gesagt…

Liebe Lizzy,
jaaaa, das ist schon viel eher ein Kirchlein nach meinem Geschmack! :D Die Orgel sieht sehr beeindruckend aus!

Volker X hat gesagt…

Liebe Lizzy,

Du erzählst die Stimmung, die Dich da gefangen genommen hat, so nah und lebendig, dass ich beim Lesen fast selbst in sie verfalle. Das ganz gespickt mit den passenden Goethezitaten, genial. Ein besonders ausdrucksstarker Post!

Liebe Grüße
Volker

lizzy hat gesagt…

Liebe Doris, lieber Volker,

unsere Geschmäcker scheinen sich zu ähneln. Vielleicht ergibt sich ja irgendwann eine Gelegenheit zum gemeinsamen theologischen Diskurs und/oder Besuch eines Orgelkonzerts - die Goethezitate und andere schlaue Sprüche bringen wir dann selber mit und ein ;)

Mit spirituellen Grüßen
Lizzy

Jörg hat gesagt…

Irgendwann kommst wieder zum wahren Glauben zurück ;-)

Ach so zufällige Entdeckungstouren sind immer wieder toll.

Jörg

lizzy hat gesagt…

Ja Jörg, natürlich! möchte ich wieder laufen, verdammt! Aber was soll ich machen, wenn meine alten Gräten immer wieder blasphemisch-ignorant jeden Versuch mit irgendwelchen Querschlägern sabotieren?!