26 Juli 2012

sono stufo di andare a piedi! oder: In Sandalen durchs Hochgebirge



morgens hier aufzuwachen, muss auch klasse sein.



"QUI NASCE IL PO"




und es gehört zum Brauch, dort die Trinkflasche zu füllen. Wasser aus'm Po für unterwegs mitnehmen.



das wollen hier viele. Die Poquelle ist ein beliebtes Ausflugsziel. Und es ist Sonntag. Heerscharen an Menschen ergießen sich auf den Weg. Für die meisten reicht aber der 40minütige Anstieg von der Straße und sie kehren anschließend um.

Die Italiener sind alles andere als ein Wandervölkchen. Hier gibt es keine Wandertradition. Klettern schon eher - sonst gäb's vermutlich keinen italienischen Alpenverein samt Vereinshütten (Refugios). Italiener belassen es - Ausnahmen gibt's natürlich - bei moderaten Spaziergängen zu bequem erreichbaren Zielen und kehren dann um. Diejenigen, die weiter gehen und das grenzübergreifende Wegenetz um den Monviso herum etwas stärker beleben als die vorher von uns durchwanderten Gebiete des Piemont, sind größtenteils Franzosen.


Dieser unglaublich smaragdene Bergsee wird von Wasser gespeist, das an mehreren Stellen laut gluckernd unter dem Geröll entlangrauscht, über das wir wandern. Tief genug, dass es - zumindest jetzt im Juli - nicht zu sehen ist und nirgendwo an die Oberfläche tritt. Hoch genug, um laut und deutlich hörbar zu bleiben. Ein bisschen ein unheimliches Gefühl, so "übers Wasser zu gehen."



Gegenseitiges Versprechen: "Wenn einer abstürzt und es noch schafft, dann zieht er schnell die Sandalen aus und schmeißt sie weg."



"und der andere kramt, bevor die Retter anrücken, die Bergschuhe aus dem Rucksack und legt sie neben den Verunfallten, sollte es nicht mehr schaffbar sein, sie ihm anzuziehen" Für die Versicherung ;-)


Es gilt ja allgemeinhin als nicht sonderlich akzeptiert, in Sandalen im Hochgebirge rumzurennen. Bekloppte, die das tun, haben einen ... gewissen Ruf ...  Wir stellen für uns fest: In diesem Gelände taugen die Sohlen unserer Trekkingsandalen wunderbar und gut genug. Der nicht vorhandene arretierende Panzer um den Restfuß erleichtert das Wandern ungeheuer.



Neben dem Schild - uns gegenüber - die unglaublich hohen Steinmassen des Monviso. Wir wandern an einer seiner Seitenflanken entlang - und knippsen ihn nicht. Warum auch? eine über 1 Kilometer nach oben aufragende Steinwand ist beeindruckend, wenn man daneben entlangwandert und sich ameisig fühlt. Fototechnisch aber nicht wirklich ausschlachtbar an dieser Stelle. Viel Stein eben.



Plötzlich ein Krachen und scheppern und nachhallendes Rumpeln. Lang andauernd. Sprengt da jemand den Fels? Lange lange ist es nur aus großer Ferne hörbar, kommt näher und näher - ein bisschen mulmig fühlt es sich schon an - dann purzeln auch sichtbar aus der Wand gegenüber (zum Glück noch reichlich weit genug von uns entfernt) aus einer Felsrinne ein paar Steinchen. Zumindest sehen sie dabei aus wie relativ kleine harmlose Steinchen. Real sind diese "Steinchen" da drüben genauso riesige Felsen, wie sie hier überall zerbröckelt rumliegen. Und gesprengt wurde nicht von Menschen sondern von der Natur, die das hier dauerhaft tut.  Es war ein kleiner Felsabbruch bzw. Felssturz, den wir dort mitanhören und mitansehen konnten. Wir hoffen sehr, dass nicht gerade in dem Moment dort, wo wir langwandern, solche "Steinchen" von oben runterpurzeln.



Jeder der Bergseen mit eigenem Reiz


.. und anderer Farbe.



Hier haben Wanderer die flachen der Steine - eine Schieferart - so aufrecht gestellt über eine weite Strecke des Weges entlang, dass es sich anfühlt als ginge man über einen riesigen Friedhof mit Naturgrabsteinen.






Während Volker sich nach dieser wieder einen Ticken anstrengenderen Tour ein wenig hinlegt vor dem Essen, begebe ich mich auf den Weg, die Gegend zu erkunden. Natürlich gibt's auch hier Wasserfälle, Bachläufe reichlich, Seen ... aber es ist auch größtenteils bewölkt und wechselhaft - immer wieder reißen große Sonnenlöcher in die Wolken, sind aber genauso schnell wieder verdeckt.



Und es gibt - nur ein paar Schritte vom  Refugio entfernt, noch ein kleines Steinhäuschen, in dem sich laut Schild ein kleines Alpenmuseum befiindet (hier in dieser Gegend scheint nicht nur jedes Dorf mit egal wie wenigen Einwohnern, sondern auch noch jede Berghütte ihr eigenes Museum zu haben), das allerdings - wie die meisten angetroffenen Museen - geschlossen ist. Sie werden üblicherweise nur auf Wunsch geöffnet, der Schlüssel muss bei irgendwem in der Nähe angefragt und abgeholt werden (was wir unterwegs nie von uns aus taten. Kulturbanausen eben ...).

Auch hier sahen wir im Vorbeigehen: ein riesiges massives Schloss an der Tür des winzigen Steinhäuschens. Auch hier fragte keiner von uns beiden nach dem Schlüssel. Er wurde mir regelrecht aufgenötigt. Und warum? Weil ich so grottenmies Italienisch spreche, dass den Italienern alles recht ist, mich zum Schweigen zu bringen ... *pfff*

Kleiner Exkurs zu den - eher nicht vorhandenen - Sprachkenntnissen und meinen Eindrücken dazu:

Nachdem ich im letzten Jahr im Valle Maira lediglich mühsam eingeprägte Einzelworte unflektiert den einheimischen Zuhörern und Gegenübern vor die Füße spucken konnte - und das auch meistens erst nach Blättern im Miniwörterbuch oder langem Nachgrübeln - nahm ich mir für die GTA vor, bis dahin souverän italienisch sprechen zu können ;-)  Es blieb beim Vorsatz. Und zwei  gebuchten VHS-Kursen, die ich beide irgendwann mittig abbrach und feststellte: was ich in Schulzeiten schon nicht konnte: auf die "schulisch trockene Art" eine Sprache zu lernen, das kann ich heute mit fast 50 erst recht nicht. Fremdsprachen zu lernen unter Schwerpunktlage auf naggisch-losgelöstes Vokabeln lernen und Grammatikstrukturen runterbeten ... keine Chance! NICHTS bleibt hängen. Es quält mich und nützt nix.

So weit, so schlecht. Was also tun? Auf Bayern alpha gibt's eine vielfach prämierte Serie mit dem Namen "Avanti! Avanti!", die dort in vielfachster Wiederholung auch gerade lief und weiter läuft. Sie ist unglaublich toll! Nie hab' ich auf so eine lebendige und einprägsame Art eine Sprache ausserhalb des Sprachlandes vermittelt bekommen.

Und so schaute ich mir allwöchentlich die Folgen von "Avanti! Avanti!" an, zeichnete sie auch auf, wiederholte manch eine für mich mehrmals (sowas amüsantes! Ich  hätt' mich bei einigen Folgen - kaputtlachen können .. -  und nahm mir vor - das allerdings wäre im Grunde nötig, damit es hilft  - mir auch die in jeweils einer Folge vermittelten Inhalte zu erarbeiten und nachzulernen. Auch bei diesem Punkt blieb es beim Vorsatz ;-(  .. und so sah es in der Praxis aus:

Einige Phrasen, von denen ich annahm, sie häufiger zu brauchen, hatte ich mir in kompletten wohltönenden Sätzen aufgeschrieben und auch eingeprägt. Versuchte also vom ersten Tag an, mich auf - wenn auch eingschränktem - Italienisch zu artikulieren und musste vom ersten Tag an feststellen: ich schien den Italienern durchgängig Ohrenschmerzen zu bereiten. Spätestens nach meinem zweiten Satz nahmen die Minen ausdruckslose Froststarre an und der Zuhörer kramte in seinem zumeist nicht oder kaum vorhandenen englischen Wortschatz, stieg auf Englisch um (nebenbei gefragt: wird an Italiens Schulen eigentlich kein Englisch unterrichtet oder warum scheinen sogar recht junge Italiener oft kein Wort dieser Sprache zu kennen?) oder Gebärdensprache, fragte, ob ich Französisch spreche (leider nur genauso mies), rannte los, jemanden zu finden, der Englisch spricht ... sie taten alles, um meinen Italienischversuchen zu entkommen *pfff*

Ob's an meiner deutschen "Intonation" lag? Die italienische hinzubekommen - ich merkte das selber - war mir unmöglich. Ich kam nichtmal in die Nähe ...  Es müsste sich deutsches Italienisch in meinem Fall schlimmer anhören als wenn ein Inder oder Chinese mir gegenüber sein Englisch rauskramt - und das womöglich mit sächsischem Akzent ;-) Oder an den bunt und vermutlich immer wieder total falsch zusammengewürfelten Präpositionen, die ich mir durch die Bank nicht merken kann?

Wie auch immer: es hat mich schon ein bisserl frustriert. Klar - natürlich nutzten mir die Phransen, die mir aus "Avanti! Avanti!" immer wieder einfielen, im Alltag nicht wirklich. Mein Mantra für die ganze Wanderung zum Beispiel bestand aus so einer Avanti!Avanti!-Phrase und ging mir kaum mehr aus dem Kopf.

"sono stufo di andare a piedi.  voglio volare" - "ich bin es leid, zu Fuß zu gehen. Ich will fliegen!"
(aus der Folge über Leoardo da Vinci. Dessen Antwort als sein Vater ihm vorwirft, nie irgendwas fertig zu bekommen und nur Unsinn im Kopf zu haben).

Aber wem hätte ich diesen Satz - perfekt intoniert! - an den Kopf werfen sollen? So sehr er auch gelegentlich zutraf und mir nicht aus dem Kopf ging?  

"Va al inferno!" ("Geh' zur Hölle!" aus der Sendung über Dante Alighieri und seine Göttliche Kömödie) taugte auch eher nicht zur Kommunikation mit den einheimischen Gastgebern.

Hinzu kam, dass wir - die Gegend ist ziemlich einsam, der Mitleser wird es inzwischen bemerkt haben - nur abends und morgens beim Ausmachen von Quartieren und Verpflegung überhaupt in die Notwendigkeit gerieten, Sprache anzuwenden. Und abends, insbesondere nach den ersten Tagen, war ich so fertig und hirnplatt, dass mir sogar das "Buona sera" für "Guten Abend" nicht mehr einfallen wollte. Hatte sich das Hirn wieder sortiert, war's schon zu spät ... Nun gut ... wir kamen immer gut unter und wurden satt. Meine aktiven Sprachkenntnisse dümpeln nichtsdestotrotz weiterhin im kaum-vorhanden-Bereich rum (das Hörverstehen dagegen ist ziemlich zufriedenstellend, um auch mal das Positive anzumerken ;).

Zurück zum Refugio Alpetto: es wird - wie mehrere andere Berghütten auch, in denen wir übernachtet haben - von zwei relativ jungen Männern betrieben, die nachmittags versuchten, ein kleines Salatbeet am Berghang anzulegen. Ich hatte eine Frage, schlenderte hin und fragte. Bekam eine kurze Antwort, leierte mir weitere italienische Begriffe aus dem inneren Fundus und guckte wie so oft in zwei Gesichter, die in Zitronen gebissen zu haben schienen. Einer der jungen Männer fragte, ob ich denn das Museum da oben schon gesehen hätte. Ich sach: "è chiuso" ("is zu"). Der junge Mann rast los Richtung Refugio, kommt mit einem fetten Schlüssel wieder und wünscht mir: "Buon divertimento" ("viel Vergnügen") Okay, okay. Kapiert. Bin ja schon weg. *Pfff..*


Nach dem Museum schlendere ich durchs Gelände, in dem so unglaublich viele Murmeltiere leben, dass es komplett durchlöchert scheint. Einmal springt eins davon ca. 2 Meter neben mir aus der Erde. Natürlich hab' ich da den Fotoapparat NICHT in der Hand ... außerdem erschrecke ich mich fast zu Tode. Die Tiere sind RIESIG ... naja ... jedenfalls deutlich größer als sie von weitem aussehen ... Also knippse ich sie von da: von weitem nämlich und rangezoomt. Auf diese Entfernung flüchten sie nicht und lassen sich von mir bei ihrem abendlichen vor der Höhle sitzen nicht stören.




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Etappe: Pian Melzè - Rifugio Alpetto  am 8. Juli 2012

Wanderzeit: 8:45 - 15:10 Uhr
 Höhenmeter:   1000 ↑    490 ↓
Distanz: ca. 12 km
Begegnungen:   reichlich am Anfang - Tendenz: weniger werdend mit zunehmender Höhe, zuletzt einsam
Im Refugio waren wir die einzigen Übernachtungsgäste
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Kommentare:

Trudy und die Tibis hat gesagt…

Traumhafte Bilder!
Ich auch! Habe mit grosser Freude Avanti Avanti gelernt. LEIDER, leider gibt es davon keine weiterführenden Lektionen. Ich hatte damals (ich glaube es war in meinem letzten Leben, jedenfalls mehr als 20 Jahre) ein Bändchen dazu erstanden und es jeweils auf dem Arbeitsweg abgespielt.
Ich war dann noch ein paar Wochen in Florenz ein einer Italienisschule (Dante Alighieri)
Dort war ich eine der ältesten. Hatte grosse Mühe mit der Grammatik, wusste aber dank AVANTI sehr viele Worte..
Inzwischen habe ich leider ALLES vergessen, weil ich noch nicht sattelfest genug war.

Ciao ciao

Babs hat gesagt…

Soso, Powasser also :-) Ich frage mal nicht, ob es besser schmeckt als...

Italienisch sprechen zu lernen, ist wahrscheinlich ebenso komplex wie Klavierspielen (hab ich auch etwas unterschätzt): Man will es gern können, aber der Weg dahin ist steinig.

LG,
Babs
*diejetztmalnachAvantiAvantigoogelt*

lizzy hat gesagt…

Mensch, das ist ja irre, dass AvantiAvanti schon so lange und ungeschlagen gut läuft. Trudy, warum fährst du nicht nach Italien? (hast du ja kürzlich geschrieben)

Babs, mit dem Klavierspielen sagste was ... Das ist doch sicher nochmal viel komplizierter .. Leider bin ich wohl noch weniger musikalisch als sprachbegabt ... *seufz*

Babsbara hat gesagt…

Naja, sprachbegabt bin ich (oder war ich mal) und ohne Französisch geht es hier in Belgiens Hauptstadt ja eh nicht. Mir ist aber immer Englisch lieber. (Am liebsten wäre mir Deutsch, aber obwohl auch offizielle Landessprache, ist es eher selten anzutreffen.) Vielleicht wäre Italienisch ja mal einen Versuch wert?
A bientot!
Babs