21 Juli 2012

die Königsetappe (für Matschfusskönige)

3. Juli    -   von Usseaux bis Didiero



Morgendliche Gesichtskontrolle im Außenspiegel auf der Terrasse des Posto Tappa (Räume und Bad sind fensterlos) nojo - okay. Sieht man ja fast gar nicht, WIE fertig ich eigentlich bin ;-) Obwohl ... geht schon wieder. Gut geschlafen. Über den Zustand der Füße schweige ich besser. Nur soviel: alle Wanderschuhe sind trotz Heizungstrockenversuch und Ausstopfen mit Zeitungen noch nass. Meine kommen zum Anziehen sowieso nicht in Frage. Schmerzt am Vorfuß wie Hölle wegen Druck auf offene Wunde (trotz Polsterung). Mit Trabuccos schmerzt es nur wie Vorhölle. Also kommen die an die Füße und das schwere Wanderschuhgedöns in den Rucksack. Ich reise - wen also wundert das Gewicht meines Gepäcks - mit: Wanderschuhen, Trabuccos (Trailjoggingschuhe, sechs Jahre alt, mehrere Marathons in der Sohle sowie Touren zu Zugspitze, ins Valle Maira etc. Das Meshmaterial löst sich seit Jahren auf, die Fersenkappe ist schon aufgelöst und ausgefranst. Mindestens dreimal habe ich sie in letzter Sekunde wieder aus dem Mülleimer gefischt. Ich fürchte: sie werden demnächst ein viertes Mal drin landen. Auf ewig ;'-(  und Trekkingsandalen. Schweren Herzens habe ich nach langem Hin und Her auf die Beachwalker verzichtet *seufz* Aber was willste machen als Schuproblematikerin ... ich weiß es inzwischen .. aber dazu später ...

Klamotten - auch die frisch gewaschenen sind weitgehend wieder trocken (am Rande bemerkt: fast täglich werden T-Shirt und Unterwäsche gewaschen. Anfangs auch noch die Strümpfe - die dann später wegfallen wegen Dauerbarfüßigkeit. Seltener Langarmshirt und Hose. Muss aber alles nebenbei auch noch sein, jedenfalls, wennde nicht stinken willst wie Iltis ;) Per Handwäsche in den Herbergen).




Anfangs kurz noch die Zivilisation gestreift ...



Laux, ein winziges Dorf mit gewonnen Schönheitspreisen - die es verdient hat! - durchwandert. Ich meine: welches Dorf hat schon einen kühlenden Bachlauf durch die "Hauptstraße" des Dörfchens?! Darauf muss ein Stadt- bzw. Dorfplaner auch erstmal kommen ...


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 Hier - wie überall, wo einem Katzen begegnen (im Gegensatz zu den sehr häufigen Hunden - in Italien gibt's noch(?) keine Hundesteuer übrigens - eher selten),sind sie meist in innig-schmusiger Freundschaft mit Hunden anzutreffen. Ist mir vor einem Jahr im Valle Maira auch schon aufgefallen. Im Piemont scheint der Spruch "wie Hund' und Katz'" eine grundsätzlich andere Aussage zu transportieren als bei uns üblich.




 Blick zurück auf Usseaux - nach Abstieg ins Tal schon wieder deutlich an Höhe gewonnen.


 Unterwegs knorrige Männer - durchaus attraktiv und beflirtenswert.


 Aussichtslos. Absolut aussichtslos ist der Versuch, die Blumenmeere, durch die wir heute und immer immer wieder auf Wanderabschnitten wandern, auch nur annähernd naturgerecht zu fotografieren. Oder zu beschreiben. Sobald die Sonne scheint - und endlich scheint sie häufiger als sie sich hinter Wolken versteckt - duftet es überall nach Kräutern - dominierend im Geruch sind diverse Thymiansorten. Aber auch unterschiedliche Minzen und .. ach, fast ALLES eben ... Kräuter, Blüten und Blumen in unglaublich nie gesehenener Farb- und Formvielfalt über Hänge, Wiesen, kilometerweit!  Auch Sorten, die der gemeine Bergwanderer als "selten", "geschützt" und "besonders" abgespeichert hat, stehen hier einfach so in Massen zwischen den andren rum. Ungeahnte nicht beschreibbare Varianten an Weißes, Gelbs, Rots und Violetts, Blaus .... berauschend.




Nicht nur für uns. Berauschend auch für Heerscharen an Insekten: es faltert und flattert, surrt und sirrt, grillt und zirpt in allen erdenklichen Tönen. Die Sinne: Gehör, Geruch, Sehgenuss - fast überreizt von all der Fülle.



und Wasser. Viel viel Wasser. Heute kein Regen. Es fällt in Fällen allüberall und rauscht, glückert, braust...


hier und da in Schneeform


höher, weiter, lange lange lange ...


bei aller Schönheit: die Länge der Strecke ist ermüdend!



die Höhe ungewohnt und anstrengend. Der Rucksack wird schwerer und schwerer, die Atmung flacher und jappsiger. Die Lizzy langsamer und schleppender.

Unser Dreierfeld zieht sich auseinander. Jeder geht seinen eigenen Trott - ab und zu wird auf die anderen gewartet. Meistens trottet jeder im eigenen Tempo vor sich hin. Ich selber mit zunehmendem Abstand zu den anderen ganz hinten. Ja kommt denn der Colle (Pass) nie näher? Sieht doch seit Ewigkeiten so aus, als wären wir gleich da.

Volker: "Wie wärs, wenn du erstmal eine Pause machst und einen Apfel isst?"
Lizzy: "Nee, muss ich den Appel im Bauch nach oben schleppen. Wirds noch schwerer. Erst auf dem Pass."
Volker: "Siehst aber aus als ginge es schon schwer."
Lizzy: "Ja logisch. Geht's auch. Krieg kaum Luft hier oben. Mal eben auf fast 3000 Meter mit 14kg auf'm Buckel .. was'n Wunder .."
Volker: "Vielleicht, wenn du einen Apfel ..."
Lizzy (grummelnd weiterstapfend): "Apfel, Apfel ... was willste denn immer mit dem blöden Appel ... Geh' ruhig vor. Peter ist eh schon fast oben ... ich komm' schon nach, keine Sorge. Brombeerhecken gibt's hier ja keine"
Volker: "Eben!"

Der beste aller Ehemänner bleibt zurück. Was machter denn nun? Selber Pause? Nee. Er halbiert und entkernt einen Appel. Eine Hälfte für ihn, eine für mich. Holt mich auf und hätte ich nicht freiwillig und gerne zugegriffen - ich glaub', er hätte wahr gemacht, was ich gestern einforderte: und mir das Ding in den Schlund gestopft. War aber so nicht nötig. Isser toll oder isser toll?!




Ab Apfel hab' ich Schritte gezählt. Bzw. Atemzüge. 

 Einatmen: Rechtes Bein  "ahei"-  Ausatmen: Linkes Bein:"ns" - sprich: Eins
Einatmen: Rechtes Bein  "zwa"-  Ausatmen: Linkes Bein: "hei" - sprich: Zwei
 Einatmen: Rechtes Bein: "dra"  -  Ausatmen: Linkes Bein: "hai" - sprich: Drei
 Einatmen: Rechtes Bein:  "vieh" -  Ausatmen: Linkes Bein: "hier" - sprich: Vier
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Immer bei 100 einen Finger mehr hinter die Rucksackhüftschnalle geklemmt. Um nicht durcheinanderzukommen. Meine Schätzung: bei 1.000 hab' ichs geschafft. Bin auf dem Pass angekommen. Nicht ganz: 1.400 Doppelschritte bzw. Atemzüge hat's noch gebraucht. 
Scheiße, ist das anstrengend!

Peter meint: "Beim Wandern ist der dritte Tag immer der schlimmste. Grundsätzlich." Peter muss das wissen. Wandert seit Jahren (ob ich verraten darf, dass er fast 70 ist und im Ruhestand?)  und auch früher schon quasi durch die Welt. Hängt uns locker ab. Schafft auch das Kunststück, mit unter 8kg Gepäck 4 Wochen unterwegs zu sein. Obwohls auch ihm heute - mit all den Vorschäden von gestern - ziemlich schwer fällt. Und bei dieser Wanderung diesmal isses ja auch für ihn der dritte Tag. 
Und der auch noch von allen Wandertagen (für uns jedenfalls) der eindeutig längste! Hätt' ja nicht grad' noch der dritte sein müssen eigentlich ...



Auch hier oben noch: bunte Blumen zwischen den Steinen.



 Kaum biste oben und freust dich, merkste auch schon, dass Bergablaufen auch anstrengend ist. Und irgendwann auch weh tut. Und heut' geht's bannich viel bergab.



Auch auf der anderen Bergseite: viele Blumen. Aber andere. Die Vegetation wechselt abrupt. Tolles Schauspiel.


Die Männer hinter mir schwächeln. Also bau' ich mal eben ein kleines Steinmanderl zum Zeitvertreib ;)



Äh ... wie jetzt ... steht im Buch nicht was von 7,5 Stunden Gehzeit? Die sind aber um. Und der Ort der Abholung (heute werden wir ein paar Kilometer vor dem PostoTappa vom Wirt abgeholt. Dort, wo wir eine befahrbare Straße erreichen. Im Buch steht, dass das sinnvoll ist - beide Wirte waren derselben Meinung und drängten zusätzlich auf frühen Aufbruch. Inzwischen wissen wir, warum: die Gehzeit im Buch ist arg verniedlicht. Sonst passen die meistens. Diesmal nicht. Mindestens eine, in unserem Fall sogar 1,5 Stunden an purer und flotter Gehzeit waren mehr nötig) ... da hinten ganz weit unten irgendwo ... noch verflixt weit weg ...



Die immer noch und immer wieder bunten Blütenteppiche muntern kaum noch auf.



Wasserfall? Jojo, is ja ganz nett. Hatten wir heute aber echt genuch von den Teilen. Was zwischen die Zähne und Füße hochlegen wär' mir jetzt lieber ...

(Beispiel)Dialog (einer ganzen Serie ähnlicher):

Lizzy: "DU hast selber gesagt, dass du mitwillst"
Volker: "Ich sach' doch gar nix."
Lizzy: "Ich aber. Mir tun die Füße weh. Ich kann nich' mehr"
Volker: "Mir auch. Ich auch nich"
Lizzy: "Ich hab' dich mehrmals gefragt, ob ich nicht doch alleine gehen soll ... du wolltest ja mit" (ein Glück, dass ich zumindest in diesen beiden Tagen NICHT alleine war ...)
Volker: "Ich sach doch gar nix!"


Noch einer:

Lizzy: "Okay okay, es war MEINE Idee ..."
Volker: "Ich hab' nix gesagt!"
Lizzy: "Nächstes Jahr: Mallorca!"
Volker: "all inclusive"
Lizzy: "Genau!"
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 Lizzy: "oder DomRep"
.
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Lizzy: "Seychellen?"
 .
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Volker: "Wandern im Spessart"
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Einer noch:

Lizzy: "Wie heißt das noch: *in guten wie in schlechten Tagen.*"
Volker: "und wenn man keine schlechten hat, macht man sich einfach im Urlaub welche .."

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Wer kennt das: wenn nix mehr zu gehen scheint. Alles schmerzt und meutert. Du denkst: gleich brech' ich hier und auf der Stelle zusammen. Falle tot um oder was auch immer. Nur nicht weitermüssen ... dann kann als eine Variante der sprichwörtliche "Galgenhumor" in Form von hysterischen Lachanfällen ausbrechen.

Blöde Dialoge, Wortwitze, Halbtotlachen über Halbtotumfaller ... immer hyterischer. Tränen laufen. Lachtränen. Stolpern weil blind vor Wasser inne Augen und schwankend vor gackern, wiehern und gröhlen.

Das Abholauto wird in der Ferne sichtbar - die Lachanfälle gehen in berstendes Crescendo über.

Volker: "Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, würd' ich sagen: Boh - bist DU heut' gut drauf!"
Lizzy (wiehernd vor Lachen): "Jo, wenn ich mich nicht so gut kennen würde, würd' ich das auch sagen"




Die Posto-Tappa-Wirte und Hotelbetreiber wissen gut, warum sie hier nach dieser Etappe abholen. Und wir, warum das im Buch auch als sinnvoll vorgeschlagen wird: diese Etappe ist irre lang und anstrengend. Die Wege (fast nur unebene, steinige, geröllige Strecken) anstrengend zu gehen. Noch dazu mit vorgeschädigten Füßen.

Selten war ich so glücklich beim Anblick eines Autos!




Und wieder ein super MehrgängeMenü. Und wieder ein Hotelzimmer (gibt's nicht überall als Möglichkeit. Vorteil zum PostoTappa-Bett neben der größeren "Privatheit" jeweils: der Hüttenschlafsack kann in der Hülle bleiben weil die - zudem westentlich komfortableren und größeren -  Betten für jeden Gast frisch und neu bezogen werden und Gästehandtücher sind auch vorhanden.)

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Tageszahlenbilanz:

Wanderzeit: 8:10 - 17:35 Uhr  (nur wenige sehr kurze Pausen zwecks Umziehen oder Trinken etc. Keine längere Rast. Sehr anstrengend)
Höhenmeter:   1380 ↑  1450↓
Distanz: 25,7 km
Begegnungen:  unterwegs: 1 wandernder Brite in Gegenrichtung, beim Anstieg uuberholt uns ein Pärchen, das offensichtlich Bergläufe trainiert, mit drei energiegeladenen tollen Hunden - später rasen sie nochmal auf dem Rückweg an uns vorbei. Waren vermutlich bis zum Colle. WOW! In Posto Tappa und Hotel bzw. im ganzen Dorf  Didiero bzw. Salza di Pinerolo (bekannt aufgrund seiner Salsa-Festivals und der musikbezogenen Wandgemälde *Murales*)  sind wir die einzigen Gäste.

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Kommentare:

sam hat gesagt…

Bei der Apfelfrage Deines Holden hatte ich ein sehr breites Grinsen im Gesicht und mir schon bildlich vorgestellt wie er ihn Dir in den Rachen schiebt. *G
Auch an einer wunderschönen Naturlandschaft kann man einmal überdrüssig werden, aber Ihr werdet diesen Zustand beim "all-inclusive" noch schneller erreicht haben. ;-) Chapeau vor Eurer Leistung.

Tschö sam

Trudy und die Tibis hat gesagt…

Viele schöne, stimmungsvolle und eindrückliche Fotos. Das Hundebild ein Hit. Dein Steinmännli sensationell. ;o)
Und die Blogneugestaltung super!
Grüessli Trudy

Hase hat gesagt…

Macht Spaß, deinen Urlaubs(?);-)bericht zu lesen. Und die Fotos sind toll. Aber am allerbesten hat mir das hier gefallen:

Lizzy: "Wie heißt das noch: *in guten wie in schlechten Tagen.*"
Volker: "und wenn man keine schlechten hat, macht man sich einfach im Urlaub welche .."


Schön :-))

lizzy hat gesagt…

Sam, der Naturlandschaft werd' ich vermutlich nicht soo schnell überdrüssig. Der zeitweise Überdruss galt der Dauerlatscherei ;-)

Trudy, der neue Bloghintergrund hat aber Tücken - muss ich morgen nochmal ran und eine Vorlage suchen, bei der das hoffentlich anders ist: dort, wo das Hintergrundbild "geschnitten" ist, wird auch das zufällig dort liegende Vordergrundbild mitgeschnitten. Merkwürdiges Phänomen - die Bilder, die so mittig zusammengesetzt wirken, sind in Wirklichkeit völlig ungetrübt. Wie gesagt: jetzt nimmer ... Und "mein" Steinmännli ... hihi ... ;-)

Und mir gefällt Dein Fragezeichen hinter'm Urlaub am besten, Hase ;)

Babs hat gesagt…

Über die schlechten Tage im Urlaub hab ich auch lachen müssen :-)

Stimmungsmäßig erinnert mich das an unsere 31 km Jakobswegwanderung (also eine Etappe), die ich mit 3 Kollegen Pfingsten in Frankreich gemacht habe. Als wir mehrmals feststellen mussten, dass nirgendwo irgendeine Raststelle finden, geschweige denn etwas zu essen oder zu trinken (einen Tag später bei nur 25 km derselbe Spaß)sind wir bei der Rückfahrt im Zug auch wiehernd zusammengebrochen. Irgendwie findet man diese Erfahrungen erst im Rückblick lustig :-)

lizzy hat gesagt…

Babs, ich weiß, dass unsere Etappen rein von der Kilometerzahl her pupsig klingen.
Das Problem dabei ist auch nicht die Länge. Der Mitwanderer (Peter) kennt übrigens auch den Jakobsweg und hat das auch oft verglichen.

Die GTA ist eine Bergtour. Zwar nicht mit Kletterstellen oder technischen großen Schwierigkeiten. Aber oft Geröllfelder, selten wirklich glatte Wege. Schwer zu gehen und Volker hat ausgerechnet, dass wir im Durchschnitt! 14% Steigung zu bewältigen hatten. Sehr sehr oft war es auch sehr sehr steil. Bergauf wie bergab. Dazu dieses viel zu schwere Gepäck und die Höhe: zwischen 1.400 und einmal auch über 2.800 über NormalNull sind wir in den 14 Tagen rumgelatscht. Jeden Tag kräftig rauf und runter und fast nur Gelände. Ich zumindest habe da für manche Kilometer ne halbe Stunde gebraucht oder so ...

Babs hat gesagt…

Das glaub ich dir gerne! Ich schätze, ich hätte noch dazu mehrere Tage lang tierischen Muskelkater gehabt. Irgendwann muss ich mal ne Mehrtageswanderung probieren. Aber auf keinen Fall gleich so eine Mördertour!

Yvonne hat gesagt…

Mein Gott! Ihr spinnt!

Blumenmond hat gesagt…

Yvonne bringt es auf den Punkt! Nichts mehr hinzuzufügen.