01 August 2009

Top of Germany - Wanderung auf die Zugspitze

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Seit mindestens fünf Jahren sitze ich alljährlich in den Startlöchern und lauere auf ein zugspitztaugliches Zeitfensterchen von 2-3 Tagen. Früher lauerte ich immer mit irgendjemandem gemeinsam, diesmal bewusst alleine, da sich dann erstens die Geling-Wahrscheinlichkeit erhöht und ich zweitens momentan mal wieder so einen "lonely-Cowgirl"-Egotrip brauchte.

Zugspitztauglich ist für mich in diesem Zusammenhang ein Fenster von mindestens zwei Tagen außerhalb der Wochenenden (da ich keiner Völkerwanderung beiwohnen und nicht zu mindestens dritt eine Hüttenlager-Matratze teilen möchte ;-), schnee- und eisfrei, möglichst gutes Wetter und halbwegs Chance, bei guter Sicht und ohne Regen den Gipfel zu erwandern. Dazu braucht's also Urlaub und gutes Wetter in schneefreien Bergmonaten. Gar nicht so leicht und gar nicht so dicht gesät. Darum hatte es auch jahrelang nicht funktioniert.

Die schon seit Wochen als passend anvisierten letzten beiden Julitage schienen laut Langfrist-Wettervorhersage perfekt. Doch je näher sie rückten, desto grausligere Dinge verkündeten Wetter.com und Konsorten und je grausliger die Vorhersage gerade für Freitag wurde, desto trotziger verkündete ich meinen trotz-allem-Start (was sich tagelang per Wettervorhersage ständig ändert, kann sich auch im letzten Moment wieder umdrehen, sagte ich mir und anderen., womit ich glücklicherweise Recht behalten sollte :-), ignorierte auch den plötzlich kratzigen Hals (zum Teufel damit!) und machte mich Donnerstag früh mit Zweitagesrucksack bewaffnet mit dem Zug auf den Weg nach Garmisch, von wo eine klassische Mehrtages-WanderTour durch's Reintal auf die Zugspitze startet.




video



Die erste halbe Stunde führt der Weg durch die tosende Partnach-Klamm, ein grandioses Naturschauspiel und aufgrund der vorhergenden ausgiebigen Regen- und späten Schneefälle momentan wirklich klamm, tosend, sehenswert.



Anschließend führt der Weg durch das unbeschreiblich schöne, abwechslungs- und wasserreiche Reintal. Wie in Mini-Kanada fühlt man sich. Nur, dass es streckenweise zuging wie in München auf dem Stacchus. Recht viele Leute sind auf dieser Teilstrecke noch unterwegs.




Was auch daran liegt, dass die Reintalangerhütte durch ihren Wirt Charly Wehrle und seine umfangreichen Aktivitäten (Nepal-Musiktrekking - ein befreundeter Sherpa verbringt die Sommersaison immer in der Hütte und arbeitet dort mit, tibetanische Gebetsfahnen wehen über der Partnach), seine Musikalität (morgens wird Hackbrettmusik geweckt) zur Kultstätte avanciert ist und da ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, dass er Ende dieser Saison die Pacht der Hütte nach 30 Jahren abgibt, war ich sehr froh, noch kurz vor Ende in diesen Genuss gekommen zu sein.







Vier Stunden hatte dieser erste Abschnitt nur gebraucht aber weil ich in der Hütte ein Bett vorgebucht hatte (ein ganzes Bett nur für mich im Fünf-Bett-Zimmer, die meisten anderen und auch Jürgen durften mit vielen andren sehr beengt auf den Matratzenlagern kuscheln ;) ging's für heute nicht mehr weiter mit der Tour sondern lediglich noch einen Abstecher weit zum Partnach-Ursprung, wo auf nichtmal 1400 hm noch gletscherartige beeindruckende Schneedome stehengeblieben sind, die tropfend und rauschend vor sich hinschmelzen.







Ab hier ist der Weg deutlich ruhiger. Viele Übernachtungsgäste der Reintalangerhütte waren auf dem Abstieg unterwegs, andere hatte es nur bis eben dort gezogen und so ist zumindest während der Wochentage der Folgeaufstieg zur Zugspitze halbwegs einsam.




Als nach einigen Wanderstunden durch felsiger werdendes Gelände im Nebeldunst auch noch die Wolkendecke aufriss, ich die Nebelschwaden unter mir zurückließ und über den Wolken weiterwanderte, da war endgültig alle Schwäche passé.


600 Höhenmeter und knapp 2 Stunden später erreichte ich die auf 2052m gelegene Knorrhütte bei der ich eine kleine Rast einlege.



Kurz darauf setzte ich mich wieder in Bewegung - nur nicht zu sehr auskühlen und außerdem erleichtert es mir die oft schmerzhaft steilen Höhenmeter in dünner werdender Bergluft, wenn ich ganz für mich meinen Trott finden und eselsgleich mit ausgeschaltetem Hirn im ganz eigenen langsamen Rhythmus still vor mich hinschlappen kann.





Das Gelände wird hier endgültig hochalpin.





endlose Geröllfelder, zu querende Schneefelder und immer wieder wundersam auftauchende Beweise, wie zäh und überraschend Leben im Nichts auftauchen kann.






Das letzte Wegstück - zwar kurz aber knackig ist schon fast Klettersteigchen zum Gipfel




nicht wirklich schwer. Aber nach den vorhergehenden schon beachtlichen Höhenmetern in dünnerer Luft dennoch für mich äußerst anstrengend, so dass ich mehrmals stehen bleiben und Verschnaufpäuschen einlegen musste. Außerdem hat es mir einen blutig ein- bzw. abgerissenen Fingernagel eingebracht *autsch*.



Komplett unvorstellbar für mich: dass diese Strecke (ab Knorrhütte war es der gleiche Weg wie der Zugspitzextremlauf-Verlauf und beim Rückweg würde ich ihn gänzlich abwandern - vergleichbar von Strecke und Höhenmetern war er aber ohnehin auch heute schon) von Menschen laufend bewältigt wird. Als Wanderung schon schwer, würde ich davon kaum einen Meter wirklich laufen können - und auch nicht wollen (auch wenn ich dann keinen schweren Rucksack mitschleppen müsste, nicht).


Für einen der Läufer, die im Jahr 2008 beim Zugspitzlauf hier den Tod fanden, ist schon ein Gedenk-Marterl angebracht mit der Inschrift: "Er liebte das Laufen und fand dabei den Tod." Hat mich schon berührt, muss ich zugeben.





Dieses letzte Teilstück von Sonnalpin bis Gipfel ist das anstrengendste überhaupt. Von unten sieht es aus, als wäre das Ziel zum Greifen nah und daher leidet man doppelt, wenn es selbst bei solchem Bilderbuchwetter wie heute kaum vorwärts geht und jeder Meter erarbeitet werden muss.







Dass die Zugspitze der wohl verbautetste und touristen-geflutetste Gipfel der Alpen ist, das wissen sicher die meisten und daher muss ich nicht viel dazu sagen.






Einige Pflichtfotos und Weißwürste später gönnte ich mir zur Abfahrt die Gondel bis Sonnalpin. Die Geröllrutscherei musste ich nicht auch noch bergab haben und gönnte mir für diesen Wegteil ein Seilbahnticket.




Bis zur Knorrhütte war es der gleiche weg wie bergan - die Sonne bretzelte gnadenlos, die Kälte des stürmischen Gipfels kam an dieser Bergseite nicht an und wieder und wieder wanderte ich stundenlang schweißgetränkt durch die Höhenlandschaft.

Die vom Alpenverein vorgeschlagene Wanderung sieht eine zweite Übernachtung auf der Knorrhütte vor. 1600 bewältigte Höhenmeter liegen hinter uns und eine fast achtstündige Wanderung (wenn man die Pausen abzieht ;-).
Aber es ist erst 16:00 Uhr als ich die  erreichen und schon jetzt zeichnet sich ab, dass es zur Übernachtung voll werden wird. Und die Hütte hat keine Einzelbetten sondern nur Gemeinschaftslager. Große Lust auf enges Kuscheln habe ich nicht und bis zur Hüttenruhe sind es noch 6 Stunden ... die mir - so rechne ich grob überschlagen aus - reichen würden, die vorgeschlagene Tour über Ehrwald zu beenden.




Es wurde ein erneuter Wetterumschwung - diesmal zum schlechteren hin - prognostiziert und tatsächlich zieht der Nebeldunst wieder höher hinauf und so wandere ich etwa eine Stunde lang durch diesen hindurch immer auf ungefähr der gleichen Höhe bleibend.



Denn noch geht es nicht bergab sondern immer in leichtem Auf und Ab über Geröll um einen felsigen Bergkamm herum. Auf der anderen Seite hat mich die Sonne wieder und als es nochmal ca. 200 hm bergauf geht, fängt meine Moral an, zu sinken.


Seit meinem Aufbruch am Morgen sind inzwischen ca. 10 Stunden vergangen, ca. 1800 Höhenmeter bergauf und schon etliche wieder bergab liegen hinter mir, als ich - müde und ausgelaugt - beim "Gatterl" die Grenze zu Österreich erreiche.


Trotz Erschöpfung bin ich froh, diesen Weg gewählt zu haben, denn es erwartet mich eine nochmal und wiederum komplett veränderte Landschaft. Kurze Drahtseil-Kletterpassagen wechselten sich ab mit grünen Hängen, Murmeltiergepfeife, Gemsenherden und langer Wege über geröllige Aussichtspassagen.





Das Panorama um Ehrwald herum ist ohnehin grandios und bilderbuchartig - da werde ich nochmal für länger hinkommen, soviel ist klar!.
An diesem Wandertag jedoch packte ich kurz vor Erreichen des Ortes - also ca. 2 Stunden vorher ;-) die Kamera ein, wechselte wieder von Wander- zu Trail-Jogging-Trabuccos und zwang mich, abwechselnd im gemäßigten Jogging- bzw. flotten Walkingschritt dem Örtchen entgegenzueilen. Denn: ich hatte mich über- oder zumindest die Zeit falsch eingeschätzt und es schien fraglich, ob ich den letzten Zug nach Garmisch noch erreichen könnte (die Abfahrtszeit stand im DAV-Prospekt, das ich dabei hatte) und nachdem ich nun an einem Tag für zwei Tage vorgeschlagenes Programm abgewandert hatte, wollte ich auch gerne noch mein zu Hause erreichen und dort die Wunden (Blasen an den Füßen, aufgerissener Finger, Sonnenbrand ... ) gemütlich lecken *s*.
Ich erreichte ihn nicht, den Zug. Aber als ich mich fast schon dazu entschlossen hatte, in Ehrwald ein Zimmer für die Nacht zu suchen, lief mir quasi wundersam ein Mensch über den Weg, der am Bahnhof in Garmisch-Partenkirchen jemanden abholen wollte, mich mitnahm, dort noch ein Zug nach München fuhr ... der allerdings wegen einer Panne erst nach 23:00 Uhr dort ankam.
Liebe Leser, mein Fazit ist folgendes: es ist eine ganz und gar wunderschöne, lohnende, abwechslungsreiche Wanderung durch traumhafte Landschaften! Aber im Nachhinein würde ich empfehlen, sich entweder die drei Tage Zeit dazu wirklich zu gönnen. Oder aber die Einteilung zu verschieben und schon am ersten Tag bis zur Knorrhütte zu wandern (der erste Tag ist mit 700 hm und 4-max. 5 Stunden Gehzeit wirklich recht beschaulich und ließe Verschärfung zu) und dann am zweiten Tag Quartier in Ehrwald oder bei einem der auf dem Weg dorthin vorgelagerten Berggasthöfe zu beziehen. Die letzten beiden Touren-Vorschlagstage komplett zu einem zusammenzuziehen und noch eine Zugfahrt dranzuhängen ... das ist doch ein bisschen heftig ;-D
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